16 % Ölpreis-Einbruch|Boom bei Kernenergie

· DAX

Neue Marktlage

Am Freitag legte der Dow Jones um mehr als 1.000 Punkte zu, während die Ölmärkte massiv unter Druck gerieten. Der Preis für die Sorte Brent fiel unter die Marke von 90 US-Dollar pro Barrel – ein Einbruch von 16 % gegenüber dem Höchststand innerhalb von nur zwei Tagen. Auslöser war die Erklärung Irans, die Straße von Hormus wieder vollständig für die Handelsschifffahrt freizugeben. In der Folge verzeichneten klassische Energiewerte deutliche Verluste: ExxonMobil gab kräftig nach, Chevron belastete die Rallye im Dow Jones und Valero Energy brach um 8,6 % ein. Die Marktlogik schien eindeutig: Das Kriegsrisiko schwindet, das Ölangebot stabilisiert sich und die Preise korrigieren.

Doch in einem anderen Segment der Energiemärkte zeigte sich ein gegensätzliches Bild. Die Aktie von NuScale Power schoss in dieser Woche um über 40 % nach oben. Oklo kletterte um 6 %, Nano Nuclear Energy verbuchte ein Plus von 5 %. Während der Ölpreis aufgrund der Entspannungssignale einbrach, verzeichnete der Nuklearsektor eine fortgesetzte Rallye. Flankiert wurde diese Dynamik durch einen neuen Kernenergie-Plan des Weißen Hauses sowie neue Energieabkommen von NiSource mit Alphabet und Amazon. Diese parallelen Bewegungen – der Abverkauf bei Rohöl und der Aufstieg der Reaktor-Aktien – wirken auf den ersten Blick unzusammenhängend. Tatsächlich besteht jedoch eine direkte kausale Verknüpfung.

Strukturrisiken

Der Konflikt mit dem Iran dauerte lange genug an, um tiefe Spuren im Marktbewusstsein zu hinterlassen. In den Wochen, in denen die Blockade der Meerenge drohte, stieg der Ölpreis auf über 100 US-Dollar. Die US-Benzinpreise erreichten im Landesdurchschnitt 4,17 Dollar pro Gallone. Ein hochrangiger Vertreter der US-Notenbank Fed warnte, der Konflikt könne einen „dauerhaften“ Preisschock auslösen. Die geopolitischen Spannungen legten ein strukturelles Defizit offen, das Investoren zwar bekannt war, das jedoch noch nicht vollständig eingepreist wurde: Die Energieversorgung für die Rechenzentren der Künstlichen Intelligenz hängt an einem der politisch volatilsten Nadelöhre der Welt.

Hier liegt die entscheidende Verbindung: Der Ölpreis-Crash hat Kernenergie nicht etwa irrelevant gemacht, sondern die Dringlichkeit für alternative Grundlasten erhöht. KI-Rechenzentren benötigen Strommengen in einer Größenordnung, die bestehende Netze nicht zuverlässig liefern können. Die Krise hat diese Abhängigkeit verdeutlicht. Alphabet und Amazon unterzeichnen Stromabnahmeverträge mit NiSource nicht deshalb, weil Öl am Freitag billiger wurde. Sie tun es, weil die vergangenen Wochen gezeigt haben, was ein Versorgungsengpass für die Betriebskosten und die Planungssicherheit bedeutet. Microsoft eröffnete diese Woche sein weltweit leistungsstärkstes KI-Rechenzentrum und erweiterte zeitgleich eine Datenkooperation mit Stellantis. Solche Infrastruktur-Investitionen sind auf Jahrzehnte ausgelegt und hängen nicht von der kurzfristigen Volatilität beim Brent-Rohöl ab.

Die Bank of America spricht in diesem Zusammenhang bereits von einer „nuklearen Renaissance“. Der erste Reaktor von Oklo soll bis zum 4. Juli eine selbsterhaltende Reaktion erreichen. Der Nuklearplan des Weißen Hauses beflügelte neben NuScale und Oklo auch Cameco und Centrus Energy. Diese Kursgewinne resultieren nicht aus der aktuellen Entspannung, sondern daraus, dass der Konflikt den Bedarf sichtbar gemacht hat. Der Schock beschleunigte zudem globale Trends: In China stiegen Aktien für erneuerbare Energien und E-Mobilität in Erwartung neuer Exportchancen, während in Europa die Planung neuer Kernkraftwerke für asiatische und afrikanische Märkte vorangetrieben wurde. Die Wiedereröffnung der Straße von Hormus hat die unmittelbare Krise gelöst, das zugrunde liegende Problem der Energiesicherheit bleibt jedoch bestehen.

Zukunftsausblick

Vieles deutet darauf hin, dass der Ausbau der Kernenergie und sauberer Energieträger unabhängig vom Ölpreis-Niveau voranschreiten wird. Der durch KI getriebene Strombedarf ist strukturell und kehrt sich nicht um, wenn Brent auf 88 Dollar fällt. Die Abkommen von Alphabet, Amazon und das neue Microsoft-Werk in Wisconsin sind mehrjährige Kapitalbindungen. Sie basierten nicht auf einer kurzfristigen Ölpreisspitze und werden durch einen temporären Preisrückgang nicht hinfällig.

Gleichwohl birgt die Rallye – insbesondere der 40-prozentige Sprung bei NuScale – signifikante Risiken. Die Bewertungen sind den operativen Meilensteinen weit vorausgeeilt. NuScale enttäuschte bereits im Februar mit schwachen Zahlen; eine Abschreibung von 507 Millionen Dollar im Zusammenhang mit einer erwarteten Meilensteinzahlung ließ die Aktie um über 30 % einbrechen, bevor die aktuelle Erholung einsetzte. Am 7. Mai folgen die nächsten Quartalszahlen. Auch Oklos Reaktor-Meilenstein im Juli wird ein entscheidender Härtetest. Sollten diese Ereignisse enttäuschen, könnten die volatilen Titel ihre jüngsten Gewinne ebenso schnell wieder abgeben.

Als wichtiger Indikator für Anleger gilt die nächste Offenlegung von NiSource zu den Kapazitätszusagen für Rechenzentren. Sollten Alphabet und Amazon ihre kontrahierten Gigawatt-Zahlen erhöhen, bleibt die Investmentthese intakt, unabhängig vom Rohölpreis. Stagnieren diese Verträge jedoch, war die jüngste Rallye lediglich ein stimmungsgetriebener Trade und keine strukturelle Verschiebung. Die finale Spannung bleibt: Die Straße von Hormus ist heute offen, war in der Vergangenheit jedoch schon oft Schauplatz von Blockaden. Während die iranische Regierung von einer dauerhaften Öffnung spricht, zeigen sich Prognosemärkte und Fed-Vertreter skeptisch. Sollte die Meerenge erneut geschlossen werden, würde die Debatte über die Fragilität der Energienetze sofort zurückkehren – und die Atomaktien vermutlich mit noch größerer institutioneller Überzeugung nach oben treiben.

Link copied