Amazons 25-Mrd.-KI-Wette|Chips, Pharma, Apple-Beben

2026-04-21 · DAX

Amazons KI-Deal

Amazon hat sein Engagement bei Anthropic massiv ausgeweitet und weitere 25 Milliarden US-Dollar zugesagt. Damit steigt die Gesamtbeteiligung an dem KI-Startup auf 33 Milliarden Dollar. Doch hinter der Milliardensumme steht ein strategisches Kalkül: Anthropic hat im Gegenzug zugestimmt, über das nächste Jahrzehnt mehr als 100 Milliarden Dollar für Cloud-Leistungen bei Amazon Web Services auszugeben. Zudem erhält das Startup exklusiven Zugang zu Amazons hauseigenen „Trainium“-Chips, um seine Claude-Modelle zu trainieren.

Dieser Schritt ist für Amazon von entscheidender Bedeutung. Der Konzern investiert seit Jahren massiv in eigenes Silizium – Trainium für das KI-Training und Graviton für allgemeine Rechenprozesse –, um eine Unabhängigkeit von Nvidia-GPUs zu erreichen. In der Branche gilt: Wer die Chip-Ebene kontrolliert, kontrolliert die Marge. Indem Amazon Anthropic fest an Trainium bindet, validiert das Unternehmen seine eigene Hardware-Roadmap gegenüber allen Unternehmenskunden, die bisher noch abwartend an der Seitenlinie standen.

Die Märkte reagierten unmittelbar. Die Aktien von Astera Labs stiegen deutlich, da die Konnektivitäts-Chips des Unternehmens essenzieller Bestandteil der Trainium3-Infrastruktur sind, die Amazon nun massiv ausbauen muss. Auch Marvell profitierte aus ähnlichen Gründen. Analysten von RBC betonten, dass beide Unternehmen direkt vom Hochfahren der kundenspezifischen Amazon-Chips profitieren werden.

Jefferies wies unterdessen auf die langfristige Profitabilität hin. Anthropic und OpenAI könnten zusammen einen erheblichen Teil der 15 Gigawatt an Rechenzentrumskapazität beanspruchen, die Amazon bis 2027 plant. Das bedeutet, dass die Kapitalausgaben – für 2026 bereits auf fast 200 Milliarden Dollar geschätzt – auf hohem Niveau bleiben oder weiter steigen werden. Kurzfristig belastet dies den freien Cashflow. Die Wette lautet, dass die Kosteneffizienz von Trainium gegenüber Drittanbieter-Chips diese Lücke schließt. Amazon-CEO Andy Jassy betonte, dass Trainium „hohe Leistung bei deutlich geringeren Kosten“ liefere. Sollte sich dieser Kostenvorteil im großen Maßstab bewahrheiten, ist der Deal mehr als eine reine Umsatzgarantie – er wird zum Live-Beweis für die Chip-Ökonomie von AWS.

Apple-Nachfolge

Während die Chip-Branche noch den Amazon-Schritt analysierte, sorgte Apple für einen Paukenschlag in eigener Sache. Tim Cook gab bekannt, dass er zum 1. September als CEO zurücktreten wird. Er übergibt die Führung an John Ternus, den bisherigen Leiter der Hardware-Entwicklung. Ternus gilt als Architekt der M-Chip-Serie und verantwortete zuletzt den Launch des MacBook Neo, das innerhalb weniger Tage ausverkauft war.

Die Apple-Aktie gab nach der Nachricht um etwa 1 % nach. Diese Reaktion ist bemerkenswert: Cook übernahm 2011 ein Unternehmen mit einem Wert von 350 Milliarden Dollar und übergibt es nun mit einer Marktkapitalisierung von 4 Billionen Dollar an Ternus. Die Frage der Wall Street lautet nicht, ob Cook erfolgreich war, sondern ob Ternus der richtige CEO für die kommende Ära ist, die fast vollständig von Künstlicher Intelligenz definiert wird.

Die Reaktion der Analysten war dennoch weitgehend positiv. Wedbush, Evercore, Citi und die Bank of America bestätigten ihre Kaufempfehlungen mit Kurszielen zwischen 315 und 350 Dollar. Erik Woodring von Morgan Stanley zog Parallelen zum August 2011, als Steve Jobs an Tim Cook übergab. Damals stagnierte die Aktie zunächst monatelang, bevor sie im Folgejahr um 57 % zulegte. Woodring sieht derzeit ein ähnliches Setup.

Das bullische Szenario ist spezifisch: Wamsi Mohan von der Bank of America argumentiert, dass Ternus durch seine Führung bei der M5-Chip-Entwicklung prädestiniert sei, Apples hardwarezentrierte KI-Strategie umzusetzen. Dabei geht es vor allem um „Inference“, also die KI-Anwendung direkt auf dem Endgerät statt in der Cloud. Dies verspricht mehr Datenschutz, geringere Latenz und Unabhängigkeit von Cloud-Giganten. Ternus kennt diese Architektur besser als jeder andere im Konzern.

Skeptiker wie Anurag Rana von Bloomberg Intelligence geben jedoch zu bedenken, dass der Wechsel eher für Kontinuität als für strategischen Wandel steht. Das könnte problematisch sein, da Apple beweisen muss, dass es die KI-Lücke zu Google und Microsoft schließen kann. Zudem enttäuschte unter Cook zuletzt das Wachstum im Dienstleistungssektor, und die Vision Pro blieb hinter den kommerziellen Erwartungen zurück. Ternus muss nun beweisen, dass er neben Hardware auch die von Investoren geforderte Software- und Service-Wende vorantreiben kann.

Amazon-Pharma

Amazon setzt seinen Expansionskurs auch im Gesundheitswesen fort. Am selben Tag, an dem die Anthropic-Pläne bekannt wurden, startete Amazon One Medical ein landesweites Programm zur GLP-1-Behandlung. Damit bietet der Konzern über sein Primärversorgungsnetz am selben Tag Zugang zu Rezepten für Abnehm-Medikamente, ärztliche Aufsicht und Laboranalysen an.

Die Aktie des Konkurrenten Hims & Hers brach daraufhin um mehr als 4 % ein. Hims hatte zuvor eine fünftägige Rallye erlebt, nachdem eine Einigung mit Novo Nordisk einen Rechtsstreit um zusammengesetzte Abnehmpräparate beigelegt hatte. Der Markteintritt von Amazon untergräbt diesen Erfolg jedoch sofort. Wenn Amazon GLP-1-Präparate flächendeckend über One Medical anbietet, verliert das Verkaufsargument von Hims – schneller und bequemer Zugang – an Exklusivität.

Auch Eli Lilly und Novo Nordisk verzeichneten Kursverluste, was zusätzlich durch eine Entscheidung von CVS verstärkt wurde. Der Versicherungsriese optierte gegen ein Medicare-Modell zur Abdeckung von Adipositas-Medikamenten, was zeigt, dass der Widerstand der Kostenträger gegen die hohen Preise von über 1.000 Dollar pro Monat anhält. Amazon als neuer Vertriebskanal löst dieses Kostenproblem nicht, sondern erhöht den Druck auf die Pharmahersteller, da ein mächtiger Vermittler mit enormer Verhandlungsmacht in den Markt eintritt.

Hinter Amazons Strategie steckt ein bekanntes Muster: Das Unternehmen kaufte One Medical 2022 für 3,9 Milliarden Dollar, integrierte es zwei Jahre lang geräuschlos und nutzt es nun als Distributionsplattform für margenstarke Medikamente genau in dem Moment, in dem die Nachfrage nach GLP-1-Präparaten explodiert. Der Ausverkauf bei Hims zeigt, dass Amazons Strategie – niedrige Hürden, logistische Tiefe und Preisdruck auf Etablierte – nun den Telemedizin-Sektor erreicht hat.

Ob Amazon die Margen in der Telemedizin und im Pharmavertrieb dauerhaft drücken kann, hängt nun von den Regulierungsbehörden und den Herstellern ab. Sollten Eli Lilly oder Novo Nordisk ihre Direktvertriebswege wie „LillyDirect“ aggressiv ausbauen, könnte Amazons Rolle als Vermittler unter Druck geraten. Anleger sollten am 11. Mai auf die Nutzerzahlen von Hims und auf Aussagen von Eli Lilly zu Direktinvestitionen achten, um zu sehen, ob Amazon den Sektor lediglich unter Druck setzt oder ihn grundlegend neu ordnet.