D-Wave vs. IonQ|Lieferant weg, Wettbewerb bleibt Kurs -69 %

· DAX

Kapitel 1: Der Lieferant wird zum Feind

D-Wave baut seine Quantencomputer auf supraleitenden Chips. Diese Chips kommen von SkyWater Technology. SkyWater war ein verlässlicher, neutraler Fertigungspartner. Dann kam die Nachricht vom 30. Mai. IonQ übernimmt SkyWater Technology für 1,8 Milliarden Dollar. IonQ ist nicht irgendein Käufer. IonQ ist D-Waves direkter Wettbewerber im Quantencomputing. Ab dem Abschluss der Transaktion — geplant für Q2 oder Q3 2026 — kontrolliert ein Konkurrent D-Waves Chip-Versorgung. Das ist kein theoretisches Risiko. Es ist eine konkrete Abhängigkeit, die sich in Preisdruck, veränderte Produktionsprioritäten oder erzwungene Partnersuche übersetzen kann. Die Situation hat eine zweite Dimension, die kaum diskutiert wird. D-Wave gründete im Dezember eine eigene Einheit für nationale Sicherheit und Verteidigung. Diese Einheit bewirbt sich um dieselben staatlichen Aufträge wie IonQ. D-Wave und IonQ sind also gleichzeitig Lieferant-Abnehmer und direkte Konkurrenten im Regierungsgeschäft. Eine solche Konstellation hat in der Technologiebranche einen Begriff: strukturelle Abhängigkeit vom Wettbewerber. Sie ist schwer zu bepreisen — und wird vom Markt meistens zu spät eingepreist.

Kapitel 2: Die Schere zwischen Umsatz und Auftragsbüchern

D-Wave meldete seine Q1-Zahlen für 2026. Das Ergebnis war polarisierend. Zwischen Januar und März erzielte das Unternehmen lediglich 2,9 Millionen Dollar Umsatz. Das entspricht einem Rückgang von 81 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Analysten hatten mit mehr als vier Millionen Dollar gerechnet. Die Erklärung des Managements: Ein einzelner Systemverkauf, der im Vorjahr den Umsatz stützte, blieb diesmal aus. Soweit die schlechte Nachricht. Jetzt die andere Seite der Bilanz. Die Auftragseingänge stiegen auf einen Rekordwert von 33,4 Millionen Dollar. Den größten Einzelposten lieferte die Florida Atlantic University mit einem 20-Millionen-Dollar-Vertrag. Der Nettoverlust fiel mit 18,4 Millionen Dollar geringer aus als befürchtet. Die Barreserven liegen bei 588 Millionen Dollar. Die Schere zwischen Umsatz und Buchungen erzählt zwei unterschiedliche Geschichten über dasselbe Unternehmen. Die pessimistische Lesart: D-Wave kann Buchungen nicht verlässlich in Umsatz umwandeln. Ein Geschäftsmodell, das auf Einzelverkäufe angewiesen ist, produziert volatile Quartale. Die optimistische Lesart: Der Rekord-Auftragseingang zeigt reale Nachfrage. Wenn die Pipeline abruft, wird der Umsatz folgen — mit zeitlichem Verzug. Welche Lesart korrekt ist, lässt sich heute nicht eindeutig beantworten. Aber die Analysten haben trotz der schwachen Zahlen ihre Kaufempfehlungen behalten. Mizuho, Canaccord Genuity und Evercore ISI senkten ihre Kursziele — auf 29 bis 42 Dollar. Cantor Fitzgerald blieb bei 40 Dollar. Kein einziger der 13 befragten Analysten empfiehlt den Verkauf. Das ist eine ungewöhnliche Konstellation bei einem Kurs, der mit 14,32 Dollar handelt.

Kapitel 3: 215-facher Umsatz und das Bewertungsproblem

Hinter dem Kurs steckt ein mathematisches Problem. D-Waves Marktkapitalisierung liegt bei rund 5,3 Milliarden Dollar. Der Jahresumsatz 2025 betrug 24,6 Millionen Dollar. Das ergibt ein Umsatzmultiple von etwa dem 215-fachen. Selbst bei schnell wachsenden Technologieunternehmen ist das ein extremer Wert. Zum Vergleich: IonQ, das Branchenlied des Moments, erzielte 2025 einen Umsatz von 130 Millionen Dollar und wuchs um 202 Prozent. D-Wave wächst langsamer und aus einer deutlich kleineren Basis. Hinzu kommt die Verwässerung. Die Aktienanzahl stieg innerhalb eines Jahres um 67 Prozent. Im Januar 2026 reichte D-Wave eine Shelf-Registration über 330 Millionen Dollar ein. Die Übernahme von Quantum Circuits kostete 300 Millionen Dollar in Aktien. Jeder neue Aktionär trägt also ein Klumpenrisiko: Das Unternehmen finanziert sich primär über neue Aktien, nicht über Gewinne. Gleichzeitig hat die Quantum Circuits-Übernahme eine strategische Logik. D-Wave ist jetzt das einzige Unternehmen weltweit, das sowohl Annealing- als auch Gate-Modell-Technologie im Einsatz hat. Annealing-Systeme sind heute kommerziell einsatzbereit, aber in ihrer Anwendungsbreite begrenzt. Gate-Modell-Systeme sind langfristig universeller — aber noch nicht reif. Die These: Wer beide Technologien beherrscht, ist in jeder Phase des Marktzyklus relevant. Das ist das Argument der Bullen. Das Gegenargument lautet: Zwei Technologien zu besitzen bedeutet auch, zwei Technologien finanzieren zu müssen. Und das bei einem Unternehmen, das im letzten Quartal weniger als drei Millionen Dollar Umsatz gemacht hat.

Kapitel 4: Der Analystentag am 1. Juni — drei Fragen, die alles entscheiden

Am 1. Juni lädt D-Wave zum Analystentag an die New York Stock Exchange. Das Management präsentiert dort den konkreten Fahrplan für die Vermarktung. Dieser Termin ist kein Marketing-Event. Er ist der Moment, an dem D-Wave auf die offenen Fragen antworten muss. Frage eins: SkyWater. Hat D-Wave bereits alternative Fertigungspartner identifiziert? Gibt es Vertragsklauseln, die den Zugang zu SkyWater auch nach der IonQ-Übernahme sichern? Fehlt eine klare Antwort, bleibt das Lieferkettenrisiko unbepreist. Frage zwei: Umsatzmodell. Das wiederkehrende QCaaS-Geschäft trug 2025 nur 5,5 Millionen Dollar bei. Systemverkäufe steuerten 16,2 Millionen Dollar bei — aber eben einmalig. Kann D-Wave den Rekord-Auftragseingang von 33,4 Millionen Dollar in verlässlichen, wiederkehrenden Umsatz umwandeln? Der Analystentag muss zeigen, welcher Anteil der Pipeline vertraglich gebunden ist. Frage drei: Verwässerung. Die Shelf-Registration über 330 Millionen Dollar ist aktiv. Plant das Management weitere Aktienemissionen in den nächsten zwölf Monaten? Wenn ja, unter welcher Bedingung — und zu welchem Kurs? Der CFO hat kurz vor dem Analystentag bereits Aktien für 9,1 Millionen Dollar verkauft. Das ist kein Beweis für Pessimismus — Insider verkaufen aus vielen Gründen. Aber es ist ein Signal, das Fragen aufwirft, die am 1. Juni beantwortet werden sollten. Wer D-Wave im Portfolio hält, hat genau diesen Termin als Prüfstein. Bleiben alle drei Fragen offen, ist die Bewertung von 215-mal Umsatz nicht zu rechtfertigen. Liefert das Management konkrete Antworten — besonders zur SkyWater-Alternative — verändert sich die Risikolandschaft grundlegend. Das ist der Moment, den Analysten und Investoren seit dem 30. Mai abwarten.

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