DAX-Rotation durch Earnings|Wer trägt die nächste Rally?

· DAX

Merck treibt DAX

Der DAX schloss am Mittwoch mit plus 0,76 Prozent auf 24.136 Punkte — doch diese Zahl verdeckt, was sich darunter abspielt. Merck legte 7,2 Prozent zu und war damit klarer Tagesgewinner, während Rheinmetall zum vierten Mal in Folge fiel und 44 Prozent unter seinem Jahreshoch notiert. Beide Aktien befinden sich im selben Index — und entwickeln sich in entgegengesetzte Richtungen, weil das Kapital an diesem Tag eine klare Richtung wählt.

Der Darmstädter Konzern überraschte den Markt mit einem organischen Umsatzwachstum von 2,9 Prozent im ersten Quartal — trotz belastender Währungseffekte. Das Management hob die Jahresprognose an: Der Umsatz soll nun zwischen 20,4 und 21,4 Milliarden Euro liegen, das bereinigte EBITDA zwischen 5,7 und 6,1 Milliarden. JPMorgan behielt das „Overweight"-Rating mit einem Kursziel von 150 Euro. Die Aktie liegt mittlerweile 8 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt — eine beachtliche Erholung von den März-Tiefs bei 102,65 Euro.

Das Muster dahinter ist entscheidend: Das Kapital rotiert weg von hochbewerteten Wachstumstiteln hin zu Unternehmen mit belegbaren Ergebnissen. E.ON gewann 3,6 Prozent, weil der Konzern solide Quartalszahlen und eine bestätigte Prognose lieferte. Allianz legte 1,1 Prozent zu — getragen von geringeren Versicherungsschäden und einem starken Fondsgeschäft. SAP dagegen rutschte auf ein neues Jahrestief, obwohl die KI-Strategie ambitioniert klingt; ohne belastbare Quartalszahlen reicht eine Vision nicht aus, um das Kapital zu halten.

Rheinmetall zeigt, wie weit diese Rotation gehen kann: JPMorgan stufte die Aktie von „Overweight" auf „Neutral" zurück. Der Grund war schwächeres Umsatzwachstum — im ersten Quartal lagen die Erlöse bei 1,94 Milliarden Euro, hinter den Erwartungen. Dabei bestätigte das Management die Jahresprognose von rund 10 Milliarden Euro Umsatz, und der Auftragsbestand steht bei 73 Milliarden Euro. Was die Kurse trotzdem drückt, lässt sich nicht allein mit dem laufenden Quartal erklären.

KI-Infrastruktur als Treiber

Die Erklärung für Rheinmetalls Schwäche findet sich nicht bei Rheinmetall selbst — sie findet sich im Kapitalfluss in Richtung eines anderen Themas. Infineon legte ohne aktuelle Unternehmensnachrichten 8 Prozent zu und erreichte ein neues 52-Wochen-Hoch bei 62,78 Euro. Seit Jahresbeginn beträgt der Kursgewinn 65 Prozent. Aixtron und Suss Microtec legten 11 beziehungsweise 6 Prozent zu. Jenoptik stieg 14 Prozent und markierte ein neues Kursrekord. Das Kapital, das aus Rüstungstiteln abfließt, sucht sich einen neuen Träger — und findet ihn in der KI-Infrastruktur.

Siemens Energy lieferte die fundamentale Begründung: Der Free-Cashflow vor Steuern stieg im zweiten Quartal 2026 um 42 Prozent auf knapp zwei Milliarden Euro. Der Quartalsumsatz lag bei 10,29 Milliarden Euro. Das Segment Grid Technologies wuchs um 41 Prozent und erzielte Margen von bis zu 20 Prozent — angetrieben von der Nachfrage nach Energieinfrastruktur für Rechenzentren und KI-Systeme. Goldman Sachs hob das Kursziel von 185 auf 212 Euro an, JPMorgan von 200 auf 225 Euro. Das Rückkaufprogramm wurde um eine Milliarde Euro auf bis zu 3,6 Milliarden Euro aufgestockt.

Nebius, der KI-Cloud-Anbieter, setzte ein weiteres Signal: Die Q1-Zahlen übertrafen die Erwartungen, die Aktie schoss vorbörslich um bis zu 12 Prozent auf über 200 Dollar — ein neues Rekordhoch. Micron legte in New York fast 5 Prozent zu, Marvell Technology über 10 Prozent. Diese Bewegungen teilen eine gemeinsame Logik: Der Markt preist ein, dass die Nachfrage nach KI-Rechenkapazität und den dafür benötigten Chips, Speichern und Stromnetzen strukturell bleibt — unabhängig von Quartalsschwankungen.

Barclays bleibt das skeptischste Haus bei Siemens Energy: Das Kursziel liegt bei nur 110 Euro, weit unter dem aktuellen Kurs von 177 Euro. Die Begründung ist präzise — der Markt habe die besten Aussichten bereits so eingepreist, als ob sie dauerhaft Bestand hätten. Das ist die eigentliche Frage: Ob der Rückenwind durch KI-Infrastruktur den aktuellen Bewertungsaufschlag trägt — oder ob er das nur so lange tut, bis die US-Erzeugerpreise die Rechnung verändern.

Iran, Fed und Peking

Die US-Erzeugerpreise stiegen im April um 1,4 Prozent gegenüber dem Vormonat — erwartet worden war ein Plus von 0,5 Prozent. Der Hauptgrund: gestiegene Energiekosten infolge des Iran-Kriegs. Diese Zahl hat eine direkte Verbindung zur Fed, die den Leitzins erst Ende April unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent belassen hatte. Erzeugerpreise übertragen sich erfahrungsgemäß auf Verbraucherpreise — und höhere Verbraucherpreise verringern den Spielraum für Zinssenkungen.

Der Dow Jones verlor 0,5 Prozent, während der Nasdaq 100 um 0,3 Prozent zulegte. Diese Spaltung ist kein Zufall: Zinssorgen treffen zyklische Industriewerte stärker als Technologieunternehmen, deren Wachstumserwartungen auf einem anderen Zeithorizont diskontiert werden. Doch der eigentliche Stabilisator im Tech-Sektor war Trumps China-Reise: Nvidia-Chef Jensen Huang, Tesla-CEO Elon Musk und Apple-Chef Tim Cook begleiteten den Präsidenten nach Peking — eine Delegation, die Anlegern signalisiert, dass die Verhandlungen trotz Spannungen fortgesetzt werden.

Das schafft eine eigentümliche Gemengelage: Energiepreise drücken die Inflationserwartungen nach oben, was Zinssenkungen unwahrscheinlicher macht — gleichzeitig hält die Hoffnung auf ein US-China-Abkommen den Technologiesektor im Aufwind. Diese beiden Kräfte ziehen in entgegengesetzte Richtungen, und welche davon die Oberhand gewinnt, hängt an einer einzigen Variable: ob die Erzeugerpreisdaten im Mai erneut überraschen.

Die Abwärtsszenarien und die Erholungsszenarien verlaufen entlang derselben Linie. Wenn die Energiekosten auf dem aktuellen Niveau bleiben und die Verbraucherpreise im Mai ebenfalls über den Erwartungen liegen, dürfte die Fed ihre Zinspause verlängern — das würde den Druck auf hochbewertete Wachstumstitel erhöhen und die Rotation in defensive Qualitätswerte wie Merck und E.ON verstärken. Wenn hingegen die Trump-China-Gespräche zu konkreten Ergebnissen führen — etwa Exporterleichterungen für Nvidia-Chips oder eine Entspannung bei Rohstoffpreisen — könnte der Technologiesektor die Fed-Sorgen überschreiben. Der Verbraucherpreisindex, der in dieser Woche erwartet wird, ist die Schwelle, an der sich diese Abwägung entscheidet: Liegt er über 3,5 Prozent, fällt das Gleichgewicht zugunsten der Zinspause aus — und Rheinmetalls Unterstützungszone bei 1.071 Euro gerät erneut unter Druck.

Link copied