EZB hält Zinsen|Zinserhöhung im Juni

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Iran, Öl und die EZB

Die Europäische Zentralbank ließ die Leitzinsen heute bei zwei Prozent. Gleichzeitig stieg die Inflation in der Eurozone auf drei Prozent — weit über das Ziel der EZB. Zwei Fakten, die sich auf den ersten Blick widersprechen.

Der Schlüssel liegt im Nahostkrieg. Seit dem US-Militäreinsatz gegen den Iran blockieren die USA den Durchfluss iranischen Öls durch die Straße von Hormuz. Fast 90 Prozent der iranischen Ölexporte laufen über diese Meerenge. Der Ausfall von rund 1,7 Millionen Barrel täglich trieb den Brent-Ölpreis zeitweise um fast sechs Prozent nach oben. Energiepreise in der Eurozone stiegen damit um fast elf Prozent. Das ist der direkte Inflationskanal.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte auf der Pressekonferenz, dass der EZB-Rat heute intensiv über eine Zinserhöhung diskutiert habe. Die Entscheidung dagegen fiel aus einem einzigen Grund: Unsicherheit. Die Ölpreisbewegungen an den Terminmärkten sind gedämpfter als erwartet. Und die Kerninflation — also Inflation ohne Energie und Lebensmittel — zeigt noch keine Zweitrundeneffekte. Unternehmen erhöhen zwar ihre Preiserwartungen, aber Lohnwachstum und Kerninflation sind noch nicht eskaliert.

Lagarde ließ dabei keine Zweifel: "Wir hatten heute alle Informationen, die wir in sechs Wochen haben werden, noch nicht." Damit ist der Junitermin signalisiert. Die EZB wird im Juni neue Wirtschaftsprojektionen vorlegen — inklusive eines Negativszenarios für den Fall einer weiteren Eskalation. Alle 25 von Dow Jones Newswires befragten Analysten rechnen mit einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent im Juni, einem weiteren Schritt auf 2,50 Prozent im September.

VW und die Autokrise

Während die EZB auf Zeit spielt, lieferte Volkswagen heute das härteste Signal aus dem deutschen Industriesektor. Der Konzerngewinn brach im ersten Quartal 2026 um 28 Prozent ein. Der Umsatz sank ebenfalls deutlich. VW-Chef Oliver Blume räumte ein, dass tiefere Einschnitte bevorstehen könnten.

Hinter dem Gewinnrückgang steckt eine dreifache Belastung. Erstens kostet der Iran-Krieg über höhere Energiepreise direkt Marge — sowohl in der Produktion als auch in der Logistik. Zweitens haben chinesische Hersteller wie BYD in Europa massiv Marktanteile gewonnen. VW sprach selbst davon, europäische Werke möglicherweise für chinesische Konkurrenten zur Mitnutzung zu öffnen — ein Satz, der zeigt, wie ernst die Lage ist. Drittens belastet der schwächere Absatz in China, wo VW traditionell einen Großteil seiner Gewinne erzielt, das Gesamtergebnis.

Analysten von UBS, Jefferies und Goldman Sachs bewerteten die Aktie nach den Zahlen überwiegend mit „Neutral" oder „Hold" — bei Kurszielen zwischen 90 und 131 Euro. RBC blieb mit „Outperform" optimistischer, sieht aber Umsetzungsrisiken. Die Aktie erholte sich leicht nach dem anfänglichen Kursrückgang, getragen von der Hoffnung, dass das schlechteste Quartal hinter dem Konzern liegt.

Der DAX selbst zog nach dem EZB-Entscheid deutlich an und schloss über 24.000 Punkten. Rückenwind kam von außerhalb: Alphabet und Amazon lieferten starke Quartalsergebnisse, was die Stimmung an der Wall Street hob. Der sinkende Ölpreis im Tagesverlauf entlastete zudem die Energie- und Transportkosten. DHL überraschte positiv mit einem starken Express-Geschäft und führte den DAX zeitweise an.

Rüstung als Gegenstrom

Während der Automobilsektor unter Druck steht, profitiert ein anderer Sektor direkt vom geopolitischen Umfeld. Rheinmetall erhielt heute einen NATO-Auftrag im Wert von über einer Milliarde Euro — Ausrüstung für rund 8.600 Soldaten. Hinzu kam ein RENK-Auftrag über 157 Millionen Euro ab dem dritten Quartal. Rheinmetall taufte außerdem seine erste Korvette in Hamburg, die „Lübeck" — ein Symbol für die neue Normalität der deutschen Verteidigungsindustrie.

Dieser Kurs hat eine klare Kausalstruktur. Der Iran-Krieg erhöht den Druck auf NATO-Mitglieder, ihre Verteidigungsbudgets zu erhöhen. Deutschland hat die Ausgabenquote bereits auf über zwei Prozent des BIP angehoben. Jeder neue Eskalationsschritt im Nahostkonflikt übersetzt sich direkt in Auftragsvolumen für Rheinmetall, RENK und Hensoldt.

Das Gesamtbild der deutschen Wirtschaft ist damit gespalten. Das BIP wuchs im ersten Quartal um 0,3 Prozent — stärker als die erwarteten 0,2 Prozent. Ökonomen zeigten sich erleichtert, betonten aber gleichzeitig, dass höhere Energiepreise und geopolitische Unsicherheit das zweite Quartal belasten werden.

Die entscheidende Variable für die nächsten sechs Wochen ist der Ölpreis. Wenn die Straße von Hormuz geschlossen bleibt oder der Konflikt eskaliert, steigt der Inflationsdruck weiter — und die EZB wird im Juni kaum noch eine Wahl haben. In diesem Szenario dürfte der DAX trotz der heutigen Erholung unter Druck bleiben, denn steigende Zinsen verteuern Unternehmensfinanzierung und belasten Bewertungen. Das Gegenszenario ist glaubwürdig: Erste Signale einer diplomatischen Lösung im Iran-Konflikt ließen den Ölpreis heute im Tagesverlauf sinken. Wenn dieser Trend anhält und die Kerninflation stabil bleibt, könnte die EZB den Junistermin verschieben — und dem DAX Luft zum Atmen geben.

Als Verifikationspunkt gilt: der Brent-Rohölpreis in den nächsten zwei Wochen und das finale Eurozone-Inflationsdatum vor der EZB-Sitzung am 11. Juni. Wenn Brent über 100 Dollar bleibt, ist die Zinserhöhung kaum noch aufzuhalten. Wenn Brent auf unter 85 Dollar sinkt, öffnet sich ein anderes Szenario — und die Märkte werden es sofort einpreisen.

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