Hormus gesperrt|Deutsche Industrie am Limit

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Hormus-Schock

Die Straße von Hormus ist wieder geschlossen. Und just in dem Moment, in dem der DAX am Freitag eine Erholungsrally hingelegt hatte, löst sich diese Hoffnung am Montag in Luft auf. Der Dax verliert über ein Prozent zum Handelsstart. Doch der eigentliche Schaden liegt tiefer als der Kursverlauf zeigt.

Der Hormus-Kanal ist keine abstrakte Konfliktzone. Jeden Tag passieren dort Öltanker und Flüssiggasschiffe, die einen erheblichen Teil der deutschen Energieversorgung transportieren. Sobald diese Route stockt, steigen die Energiepreise — und wenn die Energiepreise steigen, wird fast alles in Deutschland teurer. Düngemittel. Transport. Stahl. Produktion.

Der Industrieverband BDI hat am Montag genau das in Zahlen gefasst. Die Industrieproduktion sinkt seit 2022 jedes Jahr. Für 2026 rechnen die Verbandsmitglieder nicht mehr mit Erholung, sondern bestenfalls mit Stagnation. Kapazitätsauslastung: 78 Prozent. Das war die Prognose noch vor dem erneuten Hormus-Schock. Jetzt sind selbst diese zurückhaltenden Erwartungen in Frage gestellt.

Transportverbände melden bereits erste konkrete Folgen. Spediteure, die schon vor dem Iran-Konflikt mit Fahrermangel und Dieselkosten kämpften, kalkulieren jetzt steigende Insolvenzzahlen ein. QVC hat in dieser Woche Insolvenz beantragt. Das ist kein Zufall — es ist ein Muster.

VW gegen Rüstung

Während der Iran-Konflikt den DAX insgesamt belastet, verläuft die Schere innerhalb des Index so scharf wie selten. Volkswagen verliert am Montag 2,5 Prozent und ist damit einer der schwächsten Werte. Rheinmetall hingegen erhält von Bernstein Research eine Outperform-Einstufung mit Kursziel 2050 Euro — trotzdem gibt auch die Rheinmetall-Aktie im Tagesverlauf nach. Die Rally hat Erwartungen aufgebaut, die nun jede Enttäuschung bestrafen.

Bei Volkswagen treffen gleich zwei Belastungen zusammen. Steigende Ölpreise drücken auf den Autoabsatz, besonders in einem Umfeld, in dem Käufer ohnehin zögern. Gleichzeitig hat Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies öffentlich erklärt, er sei offen dafür, chinesische Hersteller in deutschen VW-Werken produzieren zu lassen. Händler bezeichneten das als Offenbarungseid. Das Land Niedersachsen hält 20 Prozent der Stimmrechte bei VW und hat bei wichtigen Entscheidungen ein Vetorecht. Dass ein Hauptanteilseigner nun über eine Produktionspartnerschaft mit chinesischen Konkurrenten nachdenkt, zeigt, wie ernst die Überkapazitätsprobleme wirklich sind.

Rheinmetall dagegen hat am Montag die Serienproduktion des Drohnenboots Kraken K3 in Hamburg gestartet. Das 8,5 Meter lange Schnellboot erreicht 102 Kilometer pro Stunde und kann autonom operieren. Erste Bestellungen aus NATO-Ländern liegen vor. Die Produktionskapazität soll von anfänglich 200 auf bis zu 1.000 Einheiten jährlich ausgebaut werden. Das ist kein Nischenprojekt — es ist ein Industrieumbau in Echtzeit.

Deutschland wechselt seinen Wirtschaftsmotor. VW baut 35.000 Stellen ab. Rheinmetall plant, den Umsatz zu verzehnfachen. Diese Verschiebung ist real, aber sie geht nicht geräuschlos vonstatten. Die Rüstungsindustrie schafft Arbeitsplätze in anderen Regionen und mit anderen Qualifikationsprofilen als die Autoindustrie. Der Übergang ist kein glatter Tausch.

Wohin der DAX tendiert

Der gemeinsame Nenner dieser Entwicklungen ist ein einziger Kanal im Persischen Golf. Solange die Straße von Hormus unberechenbar bleibt, ist strategische Planung für deutsche Unternehmen kaum möglich. BDI-Präsident Leibinger hat das auf der Hannover Messe klar ausgesprochen: Die Unternehmen fahren auf Sicht.

Die Beweislage deutet auf anhaltenden Druck hin. Fünf Jahre rückläufige Industrieproduktion, steigende Insolvenzwellen im Mittelstand, ein strukturell belasteter Automobilsektor und ein Energiemarkt, der an einem geopolitischen Nadelöhr hängt — das sind keine vorübergehenden Schocks. Das sind strukturelle Verschiebungen, die sich gegenseitig verstärken.

Dennoch gibt es ein Gegenbild. Sollte sich die Lage in der Straße von Hormus stabilisieren — sei es durch einen Waffenstillstand oder durch eine diplomatische Öffnung zwischen den USA und dem Iran — dann könnten Energiepreise rasch nachgeben. Das würde die Kostenbasis für die Industrie unmittelbar entlasten. Der ZVEI, der Verband der Elektro- und Digitalindustrie, rechnet für diesen Fall mit zwei Prozent Produktionswachstum in 2026.

Zwei Benchmarks verdienen diese Woche Aufmerksamkeit: Der Ölpreis, konkret Brent-Rohöl, zeigt direkt, wie die Märkte den Hormus-Konflikt einschätzen. Und die Quartalszahlen von Volkswagen, die in den nächsten Wochen erwartet werden, werden zeigen, wie tief der operative Schaden durch China-Schwäche und Kostenüberhang bereits reicht.

Was die aktuelle Lage nicht beantwortet: ob die Rüstungsrally bei Rheinmetall und Hensoldt bereits zu viel vorweggenommen hat. Sollten die Quartalszahlen hinter den Erwartungen bleiben, könnten die hochbewerteten Titel trotz stabiler Fundamentaldaten empfindlich korrigieren — und das wäre das Signal, das die aktuelle Logik auf den Kopf stellen würde.

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