Infineon 8% trotz China-GaN-Verbot|Bernstein 102 welches Urteil zählt?

· DAX

Der DAX-Spitzenreiter und das Paradox

Infineon Technologies legte am Montag um 8 Prozent zu und führte damit den DAX deutlich an. Der Auslöser war ein Bernstein-Upgrade auf 102 Euro — ein Sprung von 38 Prozent gegenüber dem vorherigen Kursziel von 74 Euro. Analyst David Dai sieht bei Infineon unterschätztes KI-Potenzial: Der CPU-Markt erlebt demnach eine Renaissance, die eine zweite Nachfragewelle für Leistungshalbleiter auslöst, neben der GPU-Nachfrage. Bernstein erwartet, dass der KI-Anteil am Infineon-Umsatz bis 2028 auf 22 Prozent steigt. Das ist der entscheidende Treiber der Kaufthese.

Was dabei auffällt: Das Upgrade kommt in derselben Woche, in der ein chinesisches Gericht Infineon untersagt hat, bestimmte GaN-Chips in China zu verkaufen. Das Oberste Volksgericht Chinas bestätigte eine einstweilige Verfügung zugunsten des Konkurrenten Innoscience. China macht 38 Prozent des Infineon-Umsatzes aus. Festlandchina und Hongkong zusammen sind damit der größte Einzelmarkt des Konzerns.

Trotzdem kauften Anleger. Der westliche Markt ignorierte das China-Urteil scheinbar vollständig. Dieser Widerspruch ist nicht irrational — er zeigt, wo Anleger den eigentlichen Engpass sehen. Die Frage ist, ob sie damit richtig liegen.

Das Kernsegment Power & Sensor Systems wuchs im zweiten Quartal um 26 Prozent auf 1,26 Milliarden Euro, getragen von KI-Serveranwendungen. Das Automotive-Segment schrumpfte gleichzeitig um 2 Prozent. Infineon ist operativ bereits im Übergang vom Autozulieferer zum KI-Infrastrukturbaustein. Der Markt bewertet diesen Übergang — und blendet das China-Risiko dabei aus.

Zwei Urteile, zwei Märkte — wer hat recht?

Am 18. Juni 2026 entschied das Landgericht München I erneut zugunsten von Infineon. Es war die dritte und vierte Niederlage von Innoscience in einer Urteilsserie: Das Münchner Gericht untersagte Herstellung, Verkauf und Vermarktung patentverletzender GaN-Produkte in Deutschland. Schadensersatz wurde ebenfalls angeordnet. Infineon gewann damit nicht zum ersten Mal: Gerichte in den USA, in Deutschland und bei der EU-Behörde haben Innoscience-Produkte wiederholt als patentverletzend eingestuft.

In China läuft es umgekehrt. Das dortige Höchstgericht sah Innoscience als GaN-Patentinhaber und bestätigte das Verkaufsverbot gegen Infineon. Innoscience-Aktien stiegen daraufhin um 16,6 Prozent. Chinesische Halbleiterwerte zogen mit — Silan Microelectronics und Sanan Optoelectronics erreichten das Tageslimit von 10 Prozent. Der Kapitalfluss ist eindeutig: Westliche Anleger kauften Infineon, chinesische Anleger kauften Innoscience.

Hier liegt die eigentliche Irresolution. Beide Seiten handeln nicht irrational. Sie bepreisen unterschiedliche Märkte. Die Bernstein-These setzt voraus, dass das KI-Wachstum in Rechenzentren weltweit die Marktanteile in China kompensiert. Innoscience arbeitet bereits mit Nvidia zusammen und liefert GaN-Stromversorgungslösungen für dessen 800-Volt-Gleichstrominfrastruktur — genau das Segment, in dem Infineon sein größtes Wachstum sieht.

Das ist die vergrabene Prämisse der Kaufthese: Infineons KI-Nachfrage kommt nicht aus China, sondern aus nordamerikanischen und europäischen Rechenzentren. Wenn das stimmt, ist der China-Verlust verkraftbar. Wenn Innoscience jedoch den GaN-Markt in KI-Rechenzentren über die China-Basis hinaus ausbaut, greift der Patentverlust tiefer als die Kursentwicklung heute suggeriert.

Dresden 02.07. und Micron 25.06. — die zwei Weichen

Am 2. Juli 2026 eröffnet Infineon das neue Front-End-Halbleiterwerk in Dresden. Es ist die größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte an diesem Standort — drei Monate früher als geplant fertig. Bei voller Kapazität entspricht das Umsatzpotenzial rund einem Drittel des aktuellen Konzernumsatzes. Das Werk produziert auf 300-Millimeter-Wafern und ist Teil des ESMC-Konsortiums mit TSMC, Bosch und NXP. Es läuft zu 100 Prozent mit Ökostrom.

Die Eröffnung selbst ist kein Einschaltknopf. Die volle Kapazität wird bedarfsorientiert aufgebaut. Das Tempo hängt davon ab, ob die KI-Nachfrage das prognostizierte Wachstum liefert. Hier kommt Micron ins Bild.

Am Mittwoch, dem 25. Juni, berichtet Micron Technology seine Quartalsergebnisse. Analysten erwarten rund 34,6 Milliarden Dollar Umsatz auf Jahresbasis. Microns Speicherchips bedienen dieselbe KI-Rechenzentrum-Infrastruktur wie Infineons Leistungshalbleiter. Enttäuscht Micron beim Ausblick, signalisiert das eine schwächere Capex-Bereitschaft der Hyperscaler — der Puffer, auf dem Infineons KI-These fußt, würde schmaler.

Für Halter lautet die Frage: Bestätigt Dresden am 2. Juli neben der Eröffnung auch konkrete Kapazitätsziele oder erste Kundenzusagen? Ohne solche Signale bleibt das Umsatzpotenzial des Werks eine Projektion. Für Einsteiger gilt: Microns Ergebnis am 25. Juni ist der erste Stresstest. Eine starke Guidance stützt die Bernstein-These direkt. Eine Enttäuschung würde die KI-Kapazitätsausbau-Prämisse infrage stellen, auf der das neue Kursziel von 102 Euro aufbaut. Das Gegenargument — das China-GaN-Urteil ist nur der erste Schritt in einer Eskalationsserie — bleibt unbestätigt; Infineon hat sich bislang nicht zu weiteren Schritten geäußert. Wer bereits investiert ist, beobachtet zuerst Micron. Wer einsteigen will, wartet auf Dresden.

Link copied