Infineon Allzeithoch 26 Jahre|Bayer -5% Richterrisiko

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Infineons Rückkehr

Infineon hat am Dienstag zum ersten Mal seit 26 Jahren ein Allzeithoch erreicht — und der Kurs notiert dabei weit über dem, was der Markt noch vor wenigen Wochen für möglich hielt. Die Aktie legte im Handelsverlauf über sechs Prozent zu und überschritt bei 84,89 Euro den alten Rekord vom 27. Juni 2000. Das Bemerkenswerte daran ist nicht der Kursstand selbst, sondern die Geschwindigkeit: Seit Ende März hat sich die Aktie mehr als verdoppelt, allein im Mai betrug das Plus 48,6 Prozent.

Der eigentliche Auslöser am Dienstag kam nicht aus München, sondern aus Genf. STMicroelectronics erhöhte seine Jahresprognose für Rechenzentrum-Umsätze von über 500 Millionen auf rund eine Milliarde Dollar. Für Infineon bedeutete das eine sofortige Neubewertung durch die Sellside: Jefferies hob das Kursziel von 75 auf 96 Euro an. Damit liegt der neue Analystenzielpreis noch unter dem Kurs, zu dem die Aktie am selben Tag gehandelt wurde — ein Zeichen, dass institutionelles Kapital der Kursentwicklung hinterherläuft, nicht vorausläuft.

Die strukturelle Grundlage für diesen Schub ist Infineons Beitritt zum Nvidia MGX AI Factory Ökosystem. Infineon liefert Galliumnitrid- und Siliziumkarbid-Bauteile für die Stromversorgung von KI-Rechenzentren — Komponenten, die bei hoher Rechenleistungsdichte nicht substituierbar sind. Diese Positionierung war dem Markt bekannt, wurde aber erst dann vollständig eingepreist, als die Nachfragedaten aus der Chipindustrie bestätigten, dass die Ausbaupläne der Hyperscaler real und zeitnah sind.

Dabei ist die Kapitalflusssituation aufschlussreich. Ausländisches institutionelles Kapital — erkennbar an den hohen Handelsumsätzen bei gleichzeitig niedrigem Kurs-Volumen-Verhältnis — rotierte innerhalb des DAX aus defensiveren Titeln in Infineon. Diese Rotation lässt sich nicht allein durch die STMicro-Meldung erklären; sie deutet auf eine Repositionierung hin, die schon begonnen hatte, bevor der Analystenkonsens nachzog. Was der heutige Kursstand allerdings nicht klärt: ob der Markt Infineons Exposition gegenüber KI-Rechenzentren mit vollem Gewicht bewertet oder ob ein Teil des Preisaufschlags auf dem seltener gewordenen Status eines liquiden europäischen KI-Proxys beruht.

Bayer bricht ein

Während Infineon den DAX nach oben zog, verließ Kapital den Gesundheitssektor. Bayer verlor am Dienstag rund fünf Prozent und bildete das Schlusslicht im deutschen Leitindex — und der Auslöser war ein Richterwechsel in San Francisco, der den gesamten Glyphosat-Vergleichsrahmen in Frage stellt.

Der US-Bundesrichter Vince Chhabria übernimmt die Glyphosat-Sammelklage aus Missouri. Chhabria hatte 2020 einen früheren Vergleichsversuch von Bayer abgelehnt und sich erst vor wenigen Wochen skeptisch über die aktuelle Einigung geäußert. Für die rund 7,25 Milliarden Dollar schwere Vergleichslösung bedeutet das einen strukturellen Risikoanstieg — nicht weil das Ergebnis bereits feststeht, sondern weil der neue Richter eine bekannte Disposition mitbringt, die mit der bisherigen Vergleichsstrategie kollidiert.

Die Bank of America hält an ihrer Kaufempfehlung mit Kursziel 50 Euro fest — ein implizites Aufwärtspotenzial von 50 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs von rund 33 Euro. Die Begründung ist der Supreme Court: Eine Entscheidung über die grundlegende Haftungsfrage steht bis Ende Juni oder Anfang Juli an. Nach Einschätzung eines von der Bank of America konsultierten Rechtsexperten liegt die Wahrscheinlichkeit eines für Bayer günstigen Urteils bei rund 70 Prozent. Bis zum 4. Juni läuft zudem eine Frist, innerhalb derer sich Kläger aus dem bestehenden Vergleich abmelden können — eine niedrige Opt-out-Quote gilt als wahrscheinlich, weil viele Kläger das Supreme-Court-Urteil abwarten dürften.

Das eigentliche Risiko liegt nicht in der Frist, sondern in der Frage, ob Chhabria die Sammelklage grundlegend neu gestalten wird. Institutionelles Kapital aus dem Gesundheitssektor — sichtbar am überproportionalen Handelsvolumen bei fallendem Kurs — traf auf keine Gegenorder; Retail-Käufe blieben aus. Die Konstellation zeigt, dass der Markt den Richtertausch nicht als Einzelrisiko, sondern als Neuöffnung einer bis dahin als weitgehend kontrolliert geltenden Haftungsposition bewertet. Die Entscheidung des Supreme Court bleibt damit die einzige Variable, die diese Neubewertung rückgängig machen kann — oder bestätigt.

UniCredit greift zu

Einen anderen Konflikt innerhalb des deutschen Marktes intensivierte UniCredit am Dienstag, als die italienische Großbank ihren Anteil an der Commerzbank auf über 34 Prozent ausweitete. Damit ist die entscheidende 30-Prozent-Schwelle überschritten, ab der nach deutschem Übernahmerecht ein Pflichtangebot an alle Aktionäre ausgelöst werden kann. UniCredit hat nach eigenen Angaben Zusagen für Commerzbank-Anteile oberhalb dieser Schwelle gesichert — im Rahmen des laufenden Umtauschangebots, dessen Annahmefrist bis zum 16. Juni läuft.

Die Commerzbank-Aktie stieg am Dienstag um mehr als vier Prozent auf rund 35,55 Euro. Diese Aufwärtsbewegung spiegelt keine neue Überzeugung, dass der Deal vorteilhaft ist — sie ist Arbitrage-Kapital, das auf eine mögliche Angebotspflicht wettet. UniCredits Tauschangebot liegt bei 0,485 eigenen Aktien je Commerzbank-Aktie, was etwa 34,56 Euro entspricht — derzeit unter dem Börsenkurs von Commerzbank. Für Aktionäre, die ihre Anteile halten, ist der aktuelle Kurs damit höher als das formelle Angebot; für Arbitrageure besteht die These, dass ein Pflichtangebot zu einem höheren Preis erzwungen wird.

Die Bundesregierung hält rund zwölf Prozent an der Commerzbank und lehnt die Übernahme ab. Bundeskanzler Friedrich Merz hat UniCredits Vorgehen öffentlich kritisiert. Diese politische Dimension ist eingepreist, aber noch nicht gelöst: Ob der Bund seine Anteile einbringt oder als Sperrblock nutzt, entscheidet sich in den nächsten 13 Tagen. Commerzbank hat mit ihrer „Momentum 2030"-Strategie ein Gegenangebot in Form von Eigenständigkeit und einer Eigenkapitalrendite von 21 Prozent bis 2030 vorgelegt. Die Frage, die der Markt bis zum 16. Juni beantwortet haben will, ist nicht die Bewertung des Angebots — sondern ob der Bund als Ankeraktionär die Zustimmungsquote unter die für eine Kontrollübernahme notwendige Schwelle drücken kann.

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