Intel auf 26-Jahres-Hoch|Stellenabbau der KI-Riesen
Chips im Fokus
Die Intel-Aktie erreichte am Donnerstag ein Kursniveau, das an den Märkten seit der Jahrtausendwende nicht mehr verzeichnet wurde. Es handelte sich dabei weder um eine einfache Erholung noch um einen kurzzeitigen Rebound, sondern um ein echtes 26-Jahres-Hoch. Bemerkenswert ist der Zeitpunkt: Zeitgleich verkündete der Facebook-Mutterkonzern Meta den Abbau von 8.000 Stellen, während Microsoft mit dem ersten freiwilligen Abfindungsprogramm in seiner 51-jährigen Unternehmensgeschichte Schlagzeilen machte.
Die Börsensitzung war von einem Paradoxon geprägt. Während die Schlagzeilen von massivem Stellenabbau im Big-Tech-Sektor dominiert wurden, kletterte Intel unbeeindruckt nach oben. Meta plant, ab dem 20. Mai rund 10 % seiner Belegschaft – etwa 8.000 Positionen – zu streichen und zusätzlich 6.000 offene Stellen zu streichen. Parallel dazu bot Microsoft 7 % seiner US-Mitarbeiter Vorruhestandsregelungen an, sofern deren Alter und Betriebszugehörigkeit in der Summe 70 oder mehr ergeben. Das Wall Street Journal bestätigte, dass es sich um das erste derartige Programm in der Geschichte des Konzerns handelt. Die Marktreaktion fiel negativ aus: Die Microsoft-Aktie verlor über 4 %, da KI-Investitionszusagen in Höhe von 110 Milliarden US-Dollar nun Personalentscheidungen erzwingen, mit denen in dieser Härte niemand gerechnet hatte.
Inmitten dieser Turbulenzen stieg Intel (INTC) über die Marke von 70 US-Dollar und markierte den höchsten Stand seit dem Jahr 2000. Im Windschatten von Intel legte auch AMD nach einer zwölftägigen Gewinnserie weiter zu. Der Halbleiterindex SOX setzte seine Rallye fort, obwohl der breitere S&P 500 von seinen jüngsten Rekordständen zurückwich. Nachdem der S&P 500 erst vor einer Woche ein Allzeithoch bei 7.022 Punkten markiert hatte, gaben Software-Titel wie Salesforce (minus 9 %) und ServiceNow deutlich nach. Doch Intel entzog sich dem allgemeinen Verkaufsdruck im Technologiesektor vollständig.
Angesichts dieser Dynamik stellt sich die entscheidende Frage: Warum notiert ein Unternehmen, das im Jahr 2024 einen Verlust von 18 Milliarden US-Dollar verbuchte und fast die eigene Chipfertigung aufgegeben hätte, nun auf dem höchsten Stand seit einem Vierteljahrhundert?
Der Musk-Faktor
Der entscheidende Impuls kam am Sonntagabend während der Analystenkonferenz zu den Erstquartalszahlen von Tesla. CEO Elon Musk bestätigte, dass das „Terafab“-Projekt – ein geplanter KI-Chip-Komplex in Austin, Texas, an dem Tesla, SpaceX und xAI beteiligt sind – auf Intels modernstes 14A-Fertigungsverfahren für hauseigene KI-Chips setzen wird.
Diese Bestätigung ist von enormer Tragweite. Intel-CEO Lip-Bu Tan hatte im vergangenen Jahr gewarnt, dass Intel sich komplett aus der Chipfertigung zurückziehen könnte, sollte kein bedeutender externer Kunde für die fortschrittlichen Fertigungsknoten gewonnen werden. Man befand sich zwar in Gesprächen über den 14A-Prozess, den Nachfolger des aktuell anlaufenden 18A-Knotens, hatte aber bisher keinen Namen genannt. Die Aussagen von Musk änderten die Lage schlagartig. Laut Yahoo Finance könnte dieser Schritt Intel den ersten großen externen Kunden für diese Technologie bescheren – ein dringend benötigter Erfolg beim Aufbau einer Auftragsfertigung, die es mit TSMC aufnehmen soll.
Am Donnerstag nach Börsenschluss legte Intel zudem eigene Zahlen für das erste Quartal vor. Der Umsatz belief sich auf 13,6 Milliarden US-Dollar und lag damit 1,4 Milliarden US-Dollar über dem Mittelwert der unternehmenseigenen Prognose. Die Non-GAAP-Bruttomarge erreichte 41 %, was rund 650 Basispunkte über den Erwartungen lag. KI-bezogene Geschäftsbereiche machen mittlerweile 60 % des Gesamtumsatzes von Intel aus und wuchsen im Jahresvergleich um 40 %. Das sind keine Kennzahlen eines Unternehmens, das lediglich mühsam einen Turnaround versucht. Der Gewinn pro Aktie (EPS) lag bei 0,29 US-Dollar, während die vorherige Guidance lediglich ein Erreichen der Gewinnschwelle vorgesehen hatte.
Bereits vor der Sitzung am Donnerstag war die Aktie im Jahr 2026 um 78 % gestiegen. Die Prognoseplattform Polymarket hatte die Wahrscheinlichkeit für ein Übertreffen der Gewinnberechnungen vorab auf 92 % geschätzt. Der Markt war auf einen Erfolg positioniert, doch das tatsächliche Ergebnis – insbesondere der deutliche Schlag beim Umsatz und der Bruttomarge – übertraf selbst die optimistischen Erwartungen.
Die Logik hinter dem 26-Jahres-Hoch bleibt dennoch komplex. Die Rallye fußt auf zwei Säulen: Einem Foundry-Kunden, der noch keinen formellen Vertrag unterzeichnet hat, und einem Quartal, in dem die Nachfrage das Angebot überstieg. Das 14A-Fertigungsverfahren befindet sich noch nicht in der Produktion, und das Ziel der Terafab, bis 2029 Chips im 2-Nanometer-Verfahren herzustellen, liegt drei Jahre in der Zukunft. Die Lücke zwischen Musks Aussagen und der tatsächlichen Produktion in Austin ist beträchtlich – und genau hier liegt das Risiko.
Zielmarke 2029
Die aktuelle Intel-Rallye weckt historische Erinnerungen. Anfang 2000 notierte Intel ebenfalls nahe der 70-Dollar-Marke und ritt auf der Infrastrukturwelle des Internet-Booms. Rechenzentren wurden massiv ausgebaut, die Chip-Nachfrage schien grenzenlos – bis sie es plötzlich nicht mehr war. Intel brauchte danach zwei Jahrzehnte, um im Vergleich zum Halbleiterindex, den das Unternehmen einst anführte, wieder Boden gutzumachen.
Das heutige Umfeld unterscheidet sich jedoch in einem wesentlichen Punkt. Im Jahr 2000 war Intel der dominante Akteur, der vor der Disruption stand. Im Jahr 2026 ist Intel der Turnaround-Kandidat, der die Disruption bereits hinter sich hat. AMD hat Intel Ende 2024 bei den Server-CPU-Umsätzen überholt, und die Xeon-Auslieferungen sanken auf ein 13-Jahres-Tief. Die Glaubwürdigkeit von Lip-Bu Tan als Sanierer ist die zentrale Variable – und der aktuelle Quartalsbericht liefert ihm das nötige Zahlenwerk, um dieses Vertrauen mindestens für ein weiteres Quartal zu rechtfertigen.
Damit das Szenario einer dauerhaften Erholung aufgeht, muss der Hochlauf des 18A-Verfahrens in Chandler, Arizona, gelingen und die Ausbeute (Yield) auf ein wettbewerbsfähiges Niveau steigen. Zudem muss die Terafab-Kooperation von einer mündlichen Bestätigung in einen formellen Liefervertrag übergehen. Sollte „Panther Lake“, das erste Intel-Produkt auf Basis von 18A, pünktlich ausgeliefert werden und leistungsmäßig mit den TSMC-Knoten gleichziehen, wird die Foundry-These von einer Spekulation zu einem soliden Investment. Der nächste wichtige Datenpunkt wird die Offenlegung der 18A-Yield-Raten sein, die Tan für Mitte des Jahres in Aussicht gestellt hat.
Das Gegenentwurf-Szenario: Der Zeitplan für 14A verzögert sich, und das Terafab-Projekt stößt auf dieselben Genehmigungs- und Beschaffungsprobleme, die bisher fast jedes große US-Fabrikprojekt zeitlich nach hinten geworfen haben. Gleichzeitig könnte sich das 40-prozentige Wachstum im KI-Bereich abschwächen, wenn Hyperscaler ihre GPU-Budgets zunehmend bei Nvidia konzentrieren. Der Kurseinbruch bei Salesforce zeigt, dass die KI-Euphorie eine begrenzte Toleranz gegenüber verzögerten Renditen hat.
Die nächsten 90 Tage werden zeigen, ob Intels Angebotsknappheit ein echtes Nachfragesignal war oder nur ein Produktionsengpass, der sich bald auflöst. Wenn die Prognose für das zweite Quartal einen Bestandsaufbau bei stabilen Preisen widerspiegelt, ist die Rallye fundamental untermauert. Sollte das Angebot die Nachfrage einholen und die Preise unter Druck geraten, wird sich die Margenausweitung schnell umkehren. Der wichtigste Indikator bleibt die Bruttomargen-Prognose für das zweite Quartal: Hält sie sich stabil bei oder über 40 %, ist das 26-Jahres-Hoch ein echtes Signal für eine nachhaltige Erholung.