Iran-Krieg trifft DAX|Wer trägt das eigentliche Risiko?

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DAX unter Druck

Der DAX hat am Dienstag die Marke von 24.000 Punkten unterschritten — und das ausgerechnet in dem Moment, als die US-Inflationsdaten besser ausfielen als erwartet. Wer allein auf die Konjunkturdaten schaut, versteht nicht, warum der deutsche Leitindex trotz positiver Signale aus Washington 1,62 Prozent auf 23.955 Punkte abgab. Der eigentliche Treiber liegt im Persischen Golf.

Der Iran-Krieg hat den Ölpreis nach oben getrieben, und dieser Ölpreisanstieg trifft deutsche Versicherer mit voller Wucht. Munich Re brach ein, weil Kerosin-Engpässe und steigende Energiekosten die Schadenserwartungen für Reise- und Luftfahrtversicherungen nach oben drücken. Die Kausalität ist direkt: höhere Energiepreise erhöhen Schadenssummen, und höhere Schadenssummen senken die Ertragsprognosen für Rückversicherer. Das erklärt den Ausverkauf bei Munich Re — aber nicht, warum der breitere Markt so stark reagiert hat.

US-Inflationsdaten zeigten im April einen Anstieg auf 3,8 Prozent, den höchsten Wert seit 2023 — angetrieben nicht durch Lohnwachstum, sondern durch Energiepreise. Das ist der entscheidende Unterschied. Energiegetriebene Inflation ist für die Fed schwieriger zu bekämpfen, weil sie das Konsumklima belastet, ohne dass Zinserhöhungen den Ursprung — den Krieg — beseitigen können. Anleger haben das verstanden: Die Börsenerholung nach den Inflationsdaten war kurz und zögerlich, weil der Markt zwischen der Zahl und ihrer Ursache unterschied.

Was dabei noch offen bleibt: Wenn der Ölpreis die Inflation treibt und die Inflation die Fed-Erwartungen verschiebt, dann hängt die nächste Richtung des DAX nicht von deutschen Unternehmenszahlen ab — sondern davon, ob Washington und Teheran noch im Mai zu einer Verhandlungslösung finden.

Volkswagen und China

Dass der Iran-Krieg den DAX belastet, ist die sichtbare Ebene. Darunter liegt eine zweite Druckquelle, die unabhängig vom Nahen Osten existiert — und Volkswagen trifft sie von zwei Seiten gleichzeitig.

Chinas Automarkt verzeichnete im April einen Rückgang von 21,5 Prozent auf 1,4 Millionen verkaufte Fahrzeuge, den niedrigsten April-Wert seit 2022. Bank of America hat deshalb das Kursziel für Volkswagen deutlich gesenkt. Die Logik dahinter ist nicht nur der schwache Absatz selbst: Es ist die Kombination aus sinkenden Volumina und gleichzeitig steigendem Wettbewerbsdruck durch chinesische Elektrofahrzeughersteller, die den Margenspielraum von Volkswagen in seinem wichtigsten Auslandsmarkt komprimieren.

Hinzu kommt der Ölpreis. Ein dauerhaft hoher Ölpreis beschleunigt eigentlich die Elektromobilitätswende — was für chinesische Anbieter mit günstigeren Batteriekosten vorteilhafter ist als für europäische Hersteller, die noch einen Großteil ihres Gewinns mit Verbrennern erzielen. Volkswagen steht damit vor einem strukturellen Dilemma: Der Ölschock, der den DAX belastet, beschleunigt genau den technologischen Wandel, den Volkswagen noch nicht vollständig vollzogen hat.

Bank of Americas Kurszielkürzung ist deshalb nicht als kurzfristige Reaktion auf schwache Monatsdaten zu lesen. Sie markiert eine Neubewertung des mittelfristigen Gewinnpfads — und das ist das Signal, das Anleger abwägen müssen.

Commerzbank vs. UniCredit

Was den DAX aus Deutschland heraus stabilisieren könnte, findet sich ausgerechnet im Bankensektor — aber nicht ohne Bedingungen.

Commerzbank meldete für das erste Quartal 2026 ein Ergebnis von 913 Millionen Euro, neun Prozent über dem Vorjahr und deutlich über den Analystenerwartungen. Die Eigenkapitalrendite kletterte auf 12,7 Prozent — ein Wert, den die Bank nach der Finanzkrise 2008 ein Jahrzehnt lang nicht erreicht hatte. Das ist das positive Bild. Doch der eigentliche Druck kommt nicht von der Gewinn-und-Verlustrechnung, sondern von außen.

UniCredit hält inzwischen direkt 26,7 Prozent der Commerzbank-Anteile und hat sich über Derivate Zugriff auf rund 35 Prozent gesichert. CEO Andrea Orcel verspricht im Übernahmefall eine Cost-Income-Ratio von 37 Prozent und eine Eigenkapitalrendite von 23 Prozent — Werte, die Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp mit ihren eigenen neuen Zielen für 2030 nicht erreicht. Orlopp hat die Messlatte sehr hoch gelegt: 43 Prozent CIR und 21 Prozent Eigenkapitalrendite bis 2030. Das ist ambitionierter als der Analystenkonsens, aber immer noch weniger als Orcels Versprechen.

Die Commerzbank notiert derzeit bei 41 Milliarden Euro Marktkapitalisierung — deutlich über dem ursprünglichen Angebot von UniCredit im Wert von 35 Milliarden Euro. Orcel hat eine Nachbesserung offen gelassen. Der Markt preist damit ein, dass entweder ein höheres Angebot kommt oder die Commerzbank ihre neuen Ziele verfehlt. Beides würde die Aktie bewegen — nur in entgegengesetzten Richtungen.

Die Verifikationsschwelle ist konkret: Wenn die Commerzbank bis Ende 2026 ihre CIR unter 50 Prozent gedrückt hat, wird das Unabhängigkeitsszenario glaubwürdiger. Bleibt sie über 52 Prozent, gewinnt Orcels Effizienzhebel-Argument an Gewicht — und der Druck auf eine Annahme wächst. Was heute noch nicht entschieden ist: ob ein weiterer Quartalsrückschlag Orlopp in eine Position bringt, in der das Angebot nicht mehr abgelehnt werden kann.

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