Iran und der Ölmarkt|Signale der US-Notenbank

2026-04-20 · DAX

Die Hormus-Falle

Am Samstag erklärte der Iran die Straße von Hormus erneut für geschlossen – nur Stunden nachdem US-Präsident Trump verkündet hatte, die Passage sei „vollständig geöffnet und betriebsbereit“. Diese widersprüchliche Nachrichtenlage machte die Kursgewinne einer gesamten Aktienrallye zunichte und trieb den Rohölpreis zurück über die Marke von 85 US-Dollar pro Barrel.

Zwischen Trumps Ankündigung und der iranischen Kehrtwende lagen weniger als 24 Stunden. Die Hintergründe offenbaren tiefe Risse innerhalb des iranischen Regimes: Während Außenminister Araghchi die Meerenge für offen erklärte, widersprachen die Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) umgehend und sprachen von einem „völligen Mangel an Taktgefühl“. Seit dem Tod von Ajatollah Chamenei im Februar fungieren die IRGC als letzte Instanz – und die Garden haben kein Interesse an einem Abkommen, das die Kontrolle über den weltweit wichtigsten maritimen Nadelöhr preisgibt.

Rund 20 Prozent des weltweit auf dem Seeweg transportierten Erdöls passieren die Straße von Hormus. Die teilweisen Blockaden führten in Kanada bereits zum stärksten monatlichen Anstieg der Benzinpreise seit Aufzeichnungsbeginn – ein Plus von 21,2 Prozent allein im März. Dies hob die Kerninflation auf 2,4 Prozent, den höchsten Stand seit zwei Jahren. Auch die USA sind nicht immun: Der Verbraucherpreisindex (VPI) stieg im März im Jahresvergleich um 3,3 Prozent, der schnellste Zuwachs seit Juni 2022. WTI-Rohöl verharrt über 85 Dollar, und Analysten von BMO rechnen für April mit einer Inflationsrate von über 3 Prozent.

Das Pentagon bereitet unterdessen das Betreten iranischer Tanker in internationalen Gewässern vor. Mindestens fünf Schiffe mit Kurs auf Malaysia haben bereits abgedreht, um der US-Navy auszuweichen. Der Druck auf die iranischen Öleinnahmen wächst. Doch die IRGC haben erkannt, dass sie keine formale Schließung benötigen, um die Schifffahrt zu destabilisieren: Schon das Feuer auf ein einzelnes Schiff erzeugt massive ökonomische Unsicherheit. Die Verhandlungen in Islamabad werden am Dienstag fortgesetzt, wobei die Waffenruhe in weniger als 48 Stunden ausläuft. Ehemalige US-Diplomaten äußerten gegenüber Fortune Zweifel, ob in diesem Zeitfenster eine Einigung erzielbar ist.

Warshs Warnung

Der Ölpreisschock trifft die US-Notenbank Fed und Kevin Warsh, Trumps Nominierten für den Fed-Vorsitz, zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.

Vor Ausbruch des Konflikts preiste der Markt für das Jahr 2026 noch zwei Zinssenkungen ein. Diese Erwartung ist mittlerweile verflogen. Die Fed-Funds-Futures signalisieren für die Sitzung am 28. und 29. April praktisch keine Chance auf eine Senkung und sehen lediglich eine Wahrscheinlichkeit von etwa 50 Prozent für einen einzigen Zinsschritt bis Jahresende. Der Schwenk von „zwei Senkungen“ zu „vielleicht einer“ vollzog sich innerhalb weniger Wochen, primär getrieben durch die Energiepreise.

In diesem Umfeld trat Warsh am Dienstag vor den Senat und wählte Worte, die nicht der Linie des Weißen Hauses entsprachen: „Inflation ist eine Entscheidung, und die Fed muss dafür die Verantwortung übernehmen.“ Er fügte hinzu, dass eine niedrige Inflation der „Schutzpanzer“ der Notenbank sei – und dass ein Inflationsschub den Bürgern schweren Schaden zufüge. Dies ist die Rhetorik eines Notenbankchefs, der Zinsen stabil halten will, statt sie zu senken.

Trump nominierte Warsh explizit, um Zinssenkungen durchzusetzen. Doch Warsh signalisierte dem Senat, dass die Fed – und nicht das Weiße Haus – das letzte Wort in der Geldpolitik hat. Er zog eine klare Grenze: Präsidiale Kommentare zu Zinssätzen seien verfassungsrechtlich zulässig, doch die Entscheidungshoheit der Notenbank bleibe unantastbar. Die Prognosemärkte beziffern seine Bestätigungschance weiterhin auf 94 Prozent, doch die Diskrepanz zwischen Trumps Erwartungen und Warshs Aussagen ist nun offensichtlich.

Gleichzeitig schwächelt der Dollar. Das britische Pfund stieg am Montag über die Marke von 1,35 Dollar, getrieben von der Erwartung, dass ein falkenhaft auftretender Warsh weniger Zinssenkungen liefern wird als von den Märkten erhofft. Die Kombination aus hartnäckiger Inflation, einer auf Disziplin bedachten Notenbank und einem schwächeren Dollar stellt ein schwieriges Umfeld für Risiko-Assets dar.

KI-Wette unter Druck

Während Energiepreise und Zinsängste die Märkte am Montag belasteten, gab es eine Ausnahme: Amazon kündigte an, bis zu 25 Milliarden US-Dollar in Anthropic zu investieren, zusätzlich zu den bereits zugesagten 8 Milliarden. Im Gegenzug verpflichtete sich Anthropic, über das nächste Jahrzehnt mehr als 100 Milliarden Dollar für AWS-Rechenkapazitäten auszugeben. Die Amazon-Aktie stieg nachbörslich um 2,55 Prozent.

Die Wachstumszahlen sind massiv: Der annualisierte Umsatz von Anthropic kletterte von 9 Milliarden Dollar im Dezember 2025 auf 30 Milliarden Dollar Anfang April 2026 – eine Verdreifachung innerhalb von vier Monaten. AWS dürfte etwa 60 Prozent der Cloud-Ausgaben von Anthropic für sich verbuchen. KeyBanc erwartet für das erste Quartal ein AWS-Wachstum von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zudem generieren Amazons Trainium-Chips bereits über 20 Milliarden Dollar Umsatz.

Dieser Trend kollidiert jedoch mit den makroökonomischen Bedingungen. Bleibt die Inflation hoch und hält die Fed die Zinsen bis Jahresende stabil, bleiben auch die Refinanzierungskosten auf hohem Niveau. Hoch bewertete KI-Aktien reagieren meist als erste mit Kursabschlägen auf ein strafferes Zinsumfeld. Apple sorgte für zusätzliche Bewegung: Tim Cook gab bekannt, dass er zum 1. September als CEO zurücktreten und an John Ternus übergeben wird. Apple verlor nachbörslich 0,8 Prozent.

Es besteht ein struktureller Konflikt: Der Amazon-Anthropic-Deal bestätigt zwar, dass die Investitionen in KI-Infrastruktur trotz der Makrolage beschleunigen. Anthropic-CEO Dario Amodei sprach von einer „beispiellosen“ Nachfrage. Doch derselbe Energieschock, der die Inflation antreibt, verteuert jeden Dollar künftiger Investitionsausgaben im KI-Sektor.

Kurzfristig bleibt der Ölmarkt die entscheidende Variable. Läuft die Frist für den Waffenstillstand am Dienstag ab, richten sich alle Augen auf Islamabad. Sollten Kushner und Witkoff ein glaubwürdiges Abkommen zur Wiedereröffnung der Meerenge präsentieren, könnten sich die Zinserwartungen und Aktienbewertungen schnell erholen. Scheitern die Gespräche, bleiben die Energiepreise hoch und Warshs Fokus auf die Inflationsbekämpfung wird zum zentralen Narrativ der Berichtssaison.

Anleger sollten auf zwei Daten achten: Den WTI-Rohölpreis am Mittwochmorgen nach den Gesprächen in Islamabad und die Rhetorik der Fed zur Inflation am 28. und 29. April. Fällt Rohöl unter 75 Dollar und bezeichnet die Fed die Energiepreise als „vorübergehend“, ist ein Erholungsszenario wahrscheinlich. Verharrt Öl über 85 Dollar ohne Signale für eine geldpolitische Lockerung, dürfte die Korrektur bei Risiko-Assets anhalten.