Irankrieg Haushaltslücke|Wo bricht die Erholung zuerst?
DAX scheitert an 25.000
Der DAX stieg im April um über 15 Prozent – und scheiterte heute zum zweiten Mal an der Marke von 25.000 Punkten. Nicht weil die Lage eskalierte, sondern weil sie es nicht tat. Die Hoffnung auf eine schnelle Lösung im Iran-Konflikt trägt den Markt – aber eben nicht über die entscheidende Hürde.
Siemens Healthineers zeigt, warum. Der Medizintechnikkonzern senkte heute seine Jahresprognose: Umsatzwachstum auf vergleichbarer Basis nun nur noch 4,5 bis 5,0 Prozent, zuvor waren es 5,0 bis 6,0 Prozent. Das bereinigte Ergebnis je Aktie soll zwischen 2,20 und 2,30 Euro liegen. Das verfehlt selbst die zuletzt gesenkten Erwartungen. Die Diagnostik-Sparte in China schwächelt, und die wieder anziehende Inflation frisst die Margen. Was Healthineers exemplarisch vorführt, gilt für weite Teile des deutschen Leitindex: Die Bilanzsaison liefert durchwachsene Zahlen in einem Umfeld, das keine Fehler verzeiht.
CMC-Markets-Analyst Andreas Lipkow brachte es auf den Punkt: Zu viel Porzellan wurde zerschlagen. Die Energiepreise seien noch nicht vollständig an Verbraucher weitergereicht, Zweitrundeneffekte drohen in den kommenden Monaten. Der Ölpreis fiel heute zwar deutlich – Brent verlor über zehn Prozent auf 98,33 Dollar –, aber dieser Rücksetzer ist noch keine Entwarnung. Er zeigt nur, wie empfindlich der Markt auf jede Iran-Meldung reagiert. Bleibt der Preis unter 95 Dollar und halten Friedenssignale aus der Region an, könnte der DAX die 25.000 in der kommenden Woche doch noch überwinden. Hält sich Brent über 100, dürften die Gewinnwarnungen weitergehen.
Rheinmetall: Wachstum gebremst
Während der Gesamtmarkt auf Friedensgerüchte hofft, hat Europas größter Rüstungskonzern ein anderes Problem: Er wächst – aber nicht schnell genug. Rheinmetall steigerte den Umsatz im ersten Quartal um acht Prozent auf 1,94 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis kletterte um 17 Prozent auf 224 Millionen Euro. Analysten hatten im Schnitt mit 2,3 Milliarden Euro Umsatz gerechnet. Die Aktie fiel daraufhin um knapp sieben Prozent.
Der Mechanismus dahinter ist präzise: Rheinmetall integriert seit März die Marine-Sparte der Bremer Lürssen-Werft. Im ersten Quartal steuerte das neue Segment erst 77 Millionen Euro bei – zu wenig, um die Erwartungen zu erfüllen. Das Volumen ist aber keine Schwäche des Geschäftsmodells, sondern ein Timing-Effekt. Konzernchef Armin Papperger erwartet für das zweite Quartal „großvolumige Beauftragungen" im Marine- und Fahrzeugbereich. Das Fregatten-Programm F126 soll im laufenden Quartal unterschrieben werden. Und als Verstärkung dieser Expansion: Rheinmetall hat zusätzlich ein erstes unverbindliches Gebot für die Kieler Werft German Naval Yards (GNYK) eingereicht und konkurriert damit direkt mit der Thyssenkrupp-Rüstungstochter TKMS. CEO Papperger kaufte heute eigene Aktien – ein Zeichen, das Investoren registrieren.
Das Jahresziel bleibt bestehen: Umsatzwachstum von rund 50 Prozent, steigende Margen. Wenn die F126-Unterschrift tatsächlich im zweiten Quartal fällt und GNYK hinzukommt, könnte Rheinmetall in sechs Monaten als Komplettanbieter für Marine, Panzer, Munition und Satelliten dastehen. Die Frage ist, ob der Markt dieses Bild bereits eingepreist hat – oder ob der heutige Rücksetzer eine Einstiegsgelegenheit markiert, die sich bei Q2-Zahlen bestätigt oder widerlegt.
Steuerausfall & Autowende
Der Rückenwind, den die Regierung für ihre Investitionspläne brauchte, bleibt aus. Die neue Steuerschätzung zeigt: Bis 2030 fehlen dem deutschen Staat 87,5 Milliarden Euro gegenüber der bisherigen Planung. Allein für 2027 reißt eine Lücke von 10,1 Milliarden Euro im Bundeshaushalt auf. Das Institut der deutschen Wirtschaft erwartet für 2026 nur noch 0,4 Prozent BIP-Wachstum – statt der zuvor prognostizierten 0,9 Prozent. Die Ursache ist die Kombination aus Iran-Krieg, steigenden Energiepreisen und einbrechenden Exporten.
Das trifft die Automobilbranche zur Unzeit. VW, BMW und Mercedes erzielten zusammen im ersten Quartal nur noch 6,3 Milliarden Euro operatives Ergebnis – ein Rückgang von 23 Prozent zum Vorjahr und der vierte Rückgang in Folge. VW allein schleppt einen Zolleffekt von 600 Millionen Euro aus dem ersten Quartal mit. Dazu kommt der Einbruch in China: Die deutschen Konzerne lieferten dort nur noch 804.000 Fahrzeuge aus – 43 Prozent weniger als im ersten Quartal 2021. Continental reagiert mit dem Abbau von 1.600 Stellen in der Tochter ContiTech in Deutschland, weltweit sollen 3.000 Arbeitsplätze wegfallen. DeepL, die deutsche KI-Übersetzungshoffnung, streicht ein Viertel der Stellen. Das sind keine Ausreißer – das ist ein Muster.
Der Zustand des Staatshaushalts und der Autobranche hängen direkt zusammen: Weniger Unternehmensgewinne, weniger Steuereinnahmen, weniger Spielraum für Investitionsprogramme, die wiederum die Konjunktur stützen sollten. Das IW-Institut warnt, Tankrabatte seien die falsche Antwort – nötig seien strukturelle Verbesserungen der Wettbewerbsbedingungen. Wer sich als Maßstab merkt: Hält der DAX die 24.500-Punkte-Marke, wenn die nächste Runde der Quartalszahlen beginnt, spricht das für Stabilisierung trotz der Belastungen. Fällt er darunter, dürfte das Muster aus gesenkten Prognosen und Stellenabbau weiter anhalten.