Kevin Warsh vereidigt 1% Zinsziel von Trump|Wer setzt sich durch?
Der Tag, an dem Trump seinen Fed-Chef bekommt
Heute wurde Kevin Warsh als neuer Chef der US-Notenbank Federal Reserve vereidigt. Donald Trump hat diesen Moment monatelang herbeigeführt. Er hat Jerome Powell öffentlich als inkompetent beschimpft, das Justizministerium gegen ihn ermitteln lassen, und nun bekommt er seinen Mann. Trump erwartet, dass die Zinsen sofort sinken. Doch genau daran zweifeln die Märkte — und die Anleiherenditen sagen das laut.
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg heute auf 4,563 Prozent. In einem Umfeld, in dem Trump ein Leitzinsniveau von einem Prozent fordert und die Fed aktuell bei 3,5 bis 3,75 Prozent steht, ist diese Bewegung kein Hintergrundrauschen. Sie ist eine Positionierung. Kapital, das in Anleihen fließt und dabei höhere Renditen verlangt, preist nicht Zinssenkungen ein — es preist das Gegenteil.
Dabei lief der Tag an den Aktienmärkten durchwachsen. Der DAX geriet unter Druck durch steigende Renditen, wie WirtschaftsWoche berichtete. Delivery Hero schoss um mehr als sieben Prozent in die Höhe, nachdem Bloomberg einen Bericht über eine mögliche Komplettübernahme durch Uber veröffentlicht hatte. Nvidia meldete ein Umsatzwachstum von 85 Prozent auf 81,6 Milliarden Dollar und erhöhte die Dividende von einem Cent auf 25 Cent je Aktie — ein Rekordbeschluss. Doch selbst diese Zahlen konnten den DAX nicht stabilisieren. Der Druck kam von einer anderen Stelle.
Und diese Stelle hat einen Namen: Warsh.
Warshs Schweigen sagt alles — oder täuscht es?
Warsh hat sich zu Zinssenkungen bekannt. Das klingt nach dem, was Trump hören wollte. Aber wer seine Geschichte kennt, liest diese Aussagen anders.
Von 2006 bis 2011 war Warsh Fed-Gouverneur. In dieser Zeit forderte er wiederholt höhere Zinsen — auch in Momenten, in denen die Konjunktur schwächelte. Sein Argument war konsistent: Billiges Geld erzeugt Marktverzerrungen, und Inflation tötet Wohlstand langsamer aber sicherer als ein kurzzeitiger Wachstumseinbruch. Heute, im Mai 2026, liegt die US-Inflation bei 3,8 Prozent — dem höchsten Stand seit drei Jahren. Trumps eigene Zölle und der seit fast drei Monaten anhaltende Iran-Konflikt haben die Energiepreise um mehr als 50 Prozent in die Höhe getrieben. Jüngste Daten zu Erzeugerpreisen zeigen, dass der Preisdruck längst über den Energiesektor hinausgeht.
Warsh löst diesen Widerspruch so auf: Das Zinsniveau sei aktuell übermäßig restriktiv, also würde eine Senkung die Wirtschaft entlasten ohne die Inflation anzuheizen. Viele Ökonomen sehen darin eine strategische Aussage — ausreichend moderat, um die Senatsbestätigung zu überstehen, unverbindlich genug, um sich später neu auszurichten.
Hier liegt die eigentliche Verschiebung im Kapitalmarkt. Nicht die Frage, ob Warsh senken will, sondern ob er senken kann. Denn der Fed-Chef entscheidet nicht allein. Der FOMC, das Offenmarktkomitee mit zwölf Mitgliedern, trifft diese Entscheidung. Powell bleibt Gouverneur — mit Stimmrecht. Eine wachsende Zahl von FOMC-Mitgliedern diskutiert laut Ntv bereits Zinserhöhungen als nächsten Schritt, nicht Senkungen. Selbst wenn Warsh senken wollte, sitzt er in einem Gremium, das zunehmend in die andere Richtung zieht.
Das Kapital in Anleihen hat das registriert. Die Rendite auf 4,563 Prozent ist kein Zufallssignal — sie zeigt, dass institutionelle Positionen bereits neu sortiert werden, bevor Warsh auch nur eine einzige Sitzung als Fed-Chef geleitet hat.
Was jetzt den Ausschlag gibt — und was Warsh zu Trumps größtem Problem machen könnte
Trump hat dieses Muster selbst beschrieben. Alle Kandidaten seien großartig gewesen, sagte er vor Monaten. Das Problem sei, dass sie sich ändern, sobald sie den Job bekommen hätten. Er sprach von Powell. Aber die Aussage passt auf Warsh genauso.
Die entscheidende Variable in den nächsten Monaten ist nicht Warshs politische Loyalität. Es ist die Inflation. Sollten die Verbraucherpreise bis Herbst 2026 nicht unter 3 Prozent fallen — was angesichts von Zöllen und Energiepreisen unwahrscheinlich erscheint — hat Warsh praktisch keinen Spielraum für Zinssenkungen, ohne seine eigene Glaubwürdigkeit zu opfern. Ein Stanford-Ökonom mit jahrelangem Falken-Ruf wird nicht für historisch niedrige Zinsen eintreten, wenn die Inflation sichtbar heiß bleibt.
Ein historischer Vergleich ist hier aufschlussreich. Arthur Burns übernahm 1970 die Fed unter Nixon, der ebenfalls niedrige Zinsen forderte. Burns gab nach. Das Ergebnis war die Stagflationsdekade der 1970er Jahre — das schlimmste Kapitel in der modernen Geschichte der US-Geldpolitik. Warshs akademische Laufbahn ist geprägt von Studien genau dieses Fehlers. Wer ihn kennt, traut ihm die Burns-Wiederholung nicht zu.
Für den DAX und die deutschen Märkte bedeutet das eine doppelte Abhängigkeit. Erstens: Bleiben die US-Renditen hoch, steigt der Abzinsungsdruck auf europäische Aktien. Zweitens: Senkt Warsh entgegen der Inflationsdaten, riskiert er eine Dollarschwäche, die deutschen Exporteuren kurzfristig nutzt, aber mittelfristig die Importinflation anfacht.
Der Verifikationsmaßstab für die nächsten Wochen ist klar: die US-Inflationsdaten für Mai, erwartet Mitte Juni. Liegen sie erneut über 3,5 Prozent, schrumpft Warshs Spielraum für Senkungen auf null — unabhängig davon, was Trump öffentlich fordert. Fallen sie unter 3 Prozent, öffnet sich ein schmales Fenster, das Warsh möglicherweise nutzt, ohne seinen Ruf zu beschädigen.
Bis dahin bleibt die entscheidende Frage offen: Hat Trump diesmal einen Fed-Chef ernannt, der tut, was er sagt — oder einen, der wieder tut, was er für richtig hält?
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