Rheinmetall 3%|USA ziehen ab wer füllt die Lücke?

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Der DAX unter 24.000 – und eine Aktie dreht gegen den Strom

Am selben Tag, an dem der DAX unter die Marke von 24.000 Punkten fiel, legte Rheinmetall um rund drei Prozent zu und führte den deutschen Leitindex an. Das ist der Ausgangspunkt dieser Analyse: ein Rüstungskonzern, der sich von einem Tief auf Jahresbasis löst – ausgerechnet an einem Tag, an dem eine Nachricht die Grundlage seines Wachstumsmodells infrage stellt.

Der Montag begann in Frankfurt mit verhaltenem Optimismus. Der DAX eröffnete leicht im Plus und schickte sich an, den Mai freundlich zu beginnen. Doch dann kamen die Meldungen aus dem Nahen Osten. Berichte über iranische Kriegsschiffe in der Straße von Hormus, vier Frachter von Hapag-Lloyd eingeschlossen, der Ölpreis auf dem Sprung – und die Stimmung drehte schlagartig. Bis zum Handelsschluss verlor der DAX rund 1,2 Prozent und schloss bei 23.991 Punkten, erstmals seit Wochen wieder unter der runden Marke. Der MDAX folgte mit ähnlichen Abgaben. Der TecDAX hingegen hielt sich mit einem leichten Plus von 1,18 Prozent bemerkenswert gut, getragen von Technologiewerten, die von der Geopolitik vorerst weniger direkt betroffen scheinen.

Im Hintergrund lief derweil noch eine andere Geschichte. Das US-Verteidigungsministerium soll Medienberichten zufolge erwägen, die geplante Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland abzublasen. Der Plan stammte noch aus der Biden-Ära: Raketen mit konventionellen Sprengköpfen, die bis nach Russland hätten reichen sollen, als Abschreckungssignal auf europäischem Boden. Wenn Washington diesen Schritt zurücknimmt, ist die Frage unmittelbar: Wer übernimmt das?

Genau hier beginnt das Rätsel des heutigen Handelstages.

Schlechte Nachricht, starke Aktie – der Mechanismus dahinter

Die Logik klingt zunächst widersinnig. Eine Nachricht über den möglichen Rückzug der USA aus einer Rüstungskooperation mit Deutschland – und der größte deutsche Rüstungskonzern steigt um drei Prozent. Wer das nur als kurzfristige Spekulation abtut, übersieht den strukturellen Hintergrund.

Der SIPRI-Bericht, der in dieser Woche veröffentlicht wurde, liefert die Zahlen: Die weltweiten Militärausgaben stiegen 2025 auf den Rekordwert von 2,89 Billionen US-Dollar. Es war das elfte Jahr in Folge mit steigenden Verteidigungsbudgets. Europa legte um 14 Prozent auf 864 Milliarden US-Dollar zu. Deutschland allein hat aus dem Sondervermögen 114 Milliarden Euro in die Bundeswehr eingeplant – so viel wie seit 1990 nicht mehr. Und die Bundeswehr rief genau am heutigen Montag einen weiteren Milliarden-Auftrag ab: 1,04 Milliarden Euro für Rheinmetall Electronics, für 237 Zugsysteme der Infanterieausrüstung „Infanterist der Zukunft", zur Ausstattung von 8.600 Soldaten.

Banco Santander stufte Rheinmetall heute auf „Outperform" hoch. Die Begründung ist dieselbe wie die Marktreaktion auf die US-Rückzugsmeldung: Je mehr Washington seine Sicherheitsversprechen relativiert, desto mehr ist Europa gezwungen, selbst in die Lücke zu treten. Jeder Schritt, den die USA zurückweichen, wird von Analysten als potenzieller Mehrumsatz für europäische Rüstungskonzerne gerechnet. Auch RENK und HENSOLDT legten am Montag zu.

Das ist der Mechanismus: Der drohende Wegfall amerikanischer Mittelstreckenraketen ist kein Risiko für Rheinmetall. Er ist ein Auftrag. Europa kann die Lücke nur mit eigener Technologie, eigenem Material, eigenen Lieferketten füllen. Und der einzige europäische Vollsortimenter in diesem Segment sitzt in Düsseldorf.

Aber hier ist der Punkt, an dem die Rechnung komplizierter wird. Rheinmetall-Aktie notiert mit rund 1.350 Euro noch gut 33 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 2.008 Euro. Der Markt hat in den vergangenen Wochen spürbar Luft abgelassen. Der heutige Kursgewinn reißt das Papier aus einem kurzfristigen Abwärtstrend – aber er beantwortet nicht die eigentliche Frage: Wann kommt der Cashflow?

Analysten hatten zuletzt auf eine auffällige Lücke hingewiesen. Rheinmetall liefert Rekordaufträge. Aber die freie Cashflow-Conversion liegt bei rund 40 Prozent – das bedeutet, von jedem Euro operativem Gewinn kommen deutlich weniger als erwartet als frei verfügbarer Mittelzufluss an. Der Grund: massive Investitionen in neue Werke, Kapazitätsaufbau, Vorfinanzierung von Großaufträgen. Das bindet Kapital. Solange die Lieferungen noch nicht anlaufen – die 237 Zugsysteme sollen erst zwischen November 2027 und Dezember 2029 ausgeliefert werden – fließt das Geld noch nicht zurück.

Was der Kurs jetzt braucht – und was ihn bremsen kann

Die entscheidende Variable ist Zeit. Rheinmetall hat den Auftragsbestand. Es hat die politische Rückendeckung. Es hat die SIPRI-Zahlen und 114 Milliarden Euro aus Berlin. Was es noch nicht hat, sind die Cashflows, die dem Kurs langfristig neuen Boden geben.

Der historische Vergleich drängt sich auf. Nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine im Februar 2022 stieg Rheinmetall in wenigen Monaten von rund 90 Euro auf über 200 Euro – auch damals auf Vorschuss, lange bevor die ersten Rüstungsverträge in Lieferungen umgesetzt wurden. Der Markt kaufte die Erwartung, nicht die Realität. Der anschließende Rücksetzer dauerte Monate. Dann stieg der Kurs weiter.

Das heutige Muster ähnelt dem. Auftragsflut, politische Weichenstellungen, Europa unter Druck – und eine Aktie, die bereits tief gefallen ist und nun auf einen Wendepunkt spekuliert. Wer das für eine Wiederholung von 2022 hält, braucht als Bestätigung vor allem eines: einen sichtbaren Rückgang der Investitionsausgaben und einen Anstieg der FCF-Conversion in den kommenden Quartalsberichten.

Die Gegenseite ist offen. Sollte der Iran-Krieg eskalieren und die globale Konjunktur nachhaltig belasten, könnte der Druck auf Staatsbudgets steigen. Rüstungsausgaben sind politisch robust, aber nicht immun gegen Haushaltszwänge. In Deutschland ist der Sondervermögens-Topf von 100 Milliarden Euro befristet. Wenn die regulären Verteidigungshaushalte nach 2028 nicht ausreichen, könnte das Auftragspolster dünner werden als erwartet.

Die Marke von 1.400 Euro ist der nächste relevante Schwellenwert. Dort befand sich Rheinmetall zuletzt vor dem Rücksetzer auf 1.309 Euro. Ein Überschreiten auf Schlusskursbasis würde das kurzfristige Bild drehen. Hält die Aktie darunter, könnte der heutige Tag ein Strohfeuer gewesen sein.

Die Frage, die der Markt morgen stellen wird: Wenn die USA wirklich abziehen – welcher europäische Anbieter liefert die Mittelstreckenraketen? Rheinmetall produziert keine ballistischen Waffensysteme dieser Reichweite. Dann wäre der heutige Kursanstieg möglicherweise auf dem falschen Fuß gebaut worden.

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