Rheinmetall-Absturz Drohnenwende|Kaufchance oder Strukturbruch?

· DAX

Der freie Fall

Rheinmetall ist der meistbesprochene Rüstungskonzern Europas — und gleichzeitig der schlechteste DAX-Performer der letzten zwei Wochen. Das klingt wie ein Widerspruch, ist aber keiner. Im ersten Quartal 2026 erzielte Rheinmetall 1,94 Milliarden Euro Umsatz — der Markt hatte 2,3 Milliarden Euro erwartet. Diese Lücke von fast 400 Millionen Euro war der Auslöser, aber nicht die eigentliche Ursache des Ausverkaufs. JPMorgan zog die Kaufempfehlung zurück, senkte das Kursziel von 2.130 auf 1.500 Euro und formulierte eine Kernthese, die den Markt traf wie ein Stein ins Wasser: In vier der letzten sechs Monate verfehlte Rheinmetall die Erwartungen — das Muster, nicht das Quartal, war das Problem. Die Aktie fiel zunächst um zehn Prozent, dann am Montag nochmals um vier Prozent auf 1.163 Euro. Das 52-Wochen-Tief lag bei 1.207 Euro — ein Niveau, das noch vor wenigen Wochen als Boden galt. Gegenüber dem Jahreshoch ist der Kurs nun um fast 40 Prozent gefallen.

Was die Marktreaktion so scharf macht, ist nicht der Umsatzrückstand allein. Es ist die strukturelle Frage dahinter: Ist die Nachfrage nach schweren landgestützten Systemen, Panzerfahrzeugen und klassischer Munition wirklich so stark wie der Auftragsbestand von 97 Prozent der geplanten Jahresumsätze suggeriert — oder verlagert sich die Kriegsführung schneller in Richtung günstigerer Drohnen und autonomer Systeme, als die Umsatzkurve zeigen kann? CEO Armin Papperger kaufte am 7. Mai persönlich Aktien im Wert von 506.000 Euro zu 1.405 Euro — ein Vertrauenssignal, das Insider normalerweise nicht setzen, wenn sie selbst an der These zweifeln. Warburg Research und mwb research stufen die Aktie daraufhin auf Kaufen hoch. Bernstein und UBS bleiben bei Kurszielen über 2.000 Euro. Doch JPMorgan sieht kurzfristig keine Katalysatoren für eine Neubewertung — und dieser Dissens zwischen Analysten ist selbst ein Marktsignal. Kapital wartet auf Beweis, nicht auf Versprechen.

Drohne als Antwort

Dass ausgerechnet an dem Tag, an dem die Rheinmetall-Aktie ein neues 52-Wochen-Tief markiert, eine Kooperation mit der Deutschen Telekom zur Drohnenabwehr bekanntgegeben wird, ist kein Zufall — sondern eine direkte Reaktion auf den Marktdruck. Rheinmetall und Telekom entwickeln gemeinsam einen Abwehrschirm für kritische Infrastrukturen, der das Mobilfunknetz als Sensor- und Steuerungsbasis nutzt. Das ist strategisch bedeutsam, weil es zeigt, wohin sich Rheinmetalls Portfolio entwickeln soll: weg vom reinen Schwermaterial, hin zu vernetzten Abwehrsystemen. Für die Telekom ist dies ein seltenes Sicherheitsgeschäft jenseits des Kernmarktes — für Rheinmetall ist es eine Antwort auf die Kritik, dass landgestützte Systeme an Relevanz verlieren.

Parallel dazu kündigte Papperger in seiner vorab veröffentlichten Hauptversammlungsrede an, noch 2026 mit der Fertigung von Marschflugkörpern in Unterlüß zu beginnen — gemeinsam mit dem niederländischen Partner Destinus. Das System Ruta 2 soll 700 Kilometer Reichweite bei 250 Kilogramm Nutzlast erreichen. Kein Tomahawk-Ersatz, aber ein konkretes europäisches Angebot in einem Segment, das bislang von US-Lieferanten dominiert wird. Die Hauptversammlung am 12. Mai bietet Papperger die Bühne, um das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen — mit einer Dividende von 11,50 Euro je Aktie für 2025 als Signal der Zuversicht. Das Quartal im Sommer wird zeigen, ob die angekündigte Umsatzbeschleunigung im Marine- und Fahrzeugbereich eintritt. Bis dahin bleibt die entscheidende Frage offen: Ist der Kursrückgang eine Bewertungskorrektur — oder eine Neubewertung des Geschäftsmodells?

Öl, Zins und DAX-Rotation

Während Rüstungsanleger die Rheinmetall-These neu kalibrieren, läuft im Hintergrund ein zweiter Mechanismus, der den DAX insgesamt unter Druck hält. Der Iran-Krieg produziert keine Friedensdiplomatie — Trump bezeichnete die iranischen Vorschläge als "völlig inakzeptabel", der Ölpreis kletterte erneut. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg auf 3,04 Prozent, da steigende Ölpreise die Inflationserwartungen anheizt. EZB-Vizepräsident de Guindos dämpfte Zinserhöhungserwartungen zwar verbal — aber das Marktgeflüster über eine potenzielle Zinserhöhung im Sommer blieb. Höhere Anleiherenditen drücken Bewertungen zyklischer Aktien, die auf günstige Diskontierungssätze angewiesen sind — und das trifft Rüstungswerte mit hohen KGV-Erwartungen besonders hart.

Der DAX schloss am Montag bei 24.350 Punkten — kaum verändert, aber unter der Oberfläche rotiert das Kapital massiv. Defensive Sektoren wie E.ON, das mit einer Übernahme des britischen Versorgers OVO Energy 9,6 Millionen Haushalte in Großbritannien bedient, legten zu. Delivery Hero schoss nach oben, TKMS und RENK fielen zweistellig. Der Index stagniert, aber seine Zusammensetzung verändert sich. Noch in dieser Woche legen Siemens und die Deutsche Telekom Quartalszahlen vor — am 13. Mai. Siemens notiert nah am Rekordhoch von 275 Euro; die Telekom hat mit der Drohnenkooperation ein neues Investitionsthema gesetzt. Wer jetzt auf einen DAX-Anstieg setzt, wettet weniger auf eine Markterholung als auf diese beiden Katalysatoren. Falls die Ölpreise über 100 Dollar pro Barrel verharren und die Anleiherenditen nicht zurückkehren unter 3,0 Prozent, wird die Rotation von Wachstums- zu Substanzwerten anhalten — und Rheinmetalls Erholung auf die Zahlen im August verschoben.

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