Rheinmetall verfehlt Ziele|Kurs steigt trotzdem

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Rüstung vs. Zahlen

Der DAX erholte sich am Dienstag um 1,7 Prozent auf 24.401 Punkte — und Rheinmetall führte die Gewinner an. Das war eigentlich eine schlechte Nachricht. Der Düsseldorfer Rüstungskonzern hatte am Vorabend Quartalszahlen veröffentlicht, die weit hinter den Erwartungen zurückblieben: Umsatz von 1,94 Milliarden Euro statt der erwarteten 2,3 Milliarden. Operativer Gewinn von 224 Millionen Euro — 38 Millionen unter dem Konsens. Und dennoch stieg die Aktie.

Der Grund liegt nicht im ersten Quartal selbst, sondern in dem, was dahintersteht. Der Auftragsbestand von Rheinmetall liegt bei 73 Milliarden Euro. Die Bank of America bestätigte ihre Kaufempfehlung und verwies auf steigende deutsche Verteidigungsausgaben als strukturellen Wachstumstreiber. Goldman Sachs belässt das Kursziel bei 2.300 Euro, Deutsche Bank und UBS ebenfalls im Bereich 2.100 bis 2.200 Euro. Der Markt bewertet nicht das Quartal — er bewertet den Rüstungszyklus.

Als unterstützenden Faktor verweisen Analysten auf den Iran-Krieg. Die Blockade der Straße von Hormus und der Ölpreis über 109 Dollar je Barrel haben die Rüstungsbudgets in Europa neu bewertet. Rheinmetall profitiert dabei von beiden Seiten: als Lieferant für Munition und Fahrzeugsysteme in laufenden Konflikten und als strategischer Aufrüster der Bundeswehr. Das schwache erste Quartal ergibt sich aus Lieferrhythmen, nicht aus nachlassender Nachfrage. Die Jahresprognose — 40 bis 45 Prozent Umsatzwachstum bei einer operativen Marge von 19,5 Prozent — steht unverändert.

Die Frage, die sich Anleger nun stellen müssen: Ob das zweite Quartal die Delle ausgleichen kann. Wenn ja, bestätigt das die These. Wenn nicht, gerät die Jahresprognose unter Druck — und mit ihr der Kurs, der bereits weit über den fundamentalen Quartalsdaten notiert.

UniCredit greift an

Während Rüstungsaktien von geopolitischer Spannung profitierten, sorgte im Bankensektor eine andere Art von Überraschung für Bewegung. UniCredit hat am Dienstag ihr formelles Übernahmeangebot für die Commerzbank veröffentlicht — ein reines Tauschangebot: 0,485 neue UniCredit-Aktien für jede Commerzbank-Aktie, was einem Preis von 30,80 Euro entspricht. Die Commerzbank notierte daraufhin bei 35,32 Euro. Das Angebot liegt damit unter dem aktuellen Börsenkurs.

Die Logik dahinter ist nicht sofort offensichtlich. UniCredit hält bereits knapp 30 Prozent der Commerzbank und kontrolliert indirekt weitere Anteile über Finanzinstrumente. CEO Andrea Orcel erwartet ausdrücklich nicht, durch dieses Angebot eine Kontrollmehrheit zu erhalten. Es geht um etwas anderes: Sichtbarkeit, Verfahrensdruck und Zeitlinie. Das Angebot läuft bis zum 16. Juni — mit Verlängerungsoption bis zum 3. Juli. Commerzbank-Management und Betriebsrat lehnen die Übernahme als feindlich ab. Der deutsche Staat hält gut zwölf Prozent und will nicht verkaufen.

Als Brücke zur Rüstungsthese gilt folgendes: Der DAX-Anstieg an diesem Tag war breit — Commerzbank, Siemens und Rheinmetall gaben gleichzeitig Gas. Der gemeinsame Nenner war sinkender Ölpreis. Brent gab nach fünf Handelstagen starker Gewinne leicht nach, was die Inflationserwartungen dämpfte und Risikobereitschaft zurückbrachte. Die Commerzbank-Aktie gewann fast vier Prozent — nicht wegen des Angebots allein, sondern weil fallende Energiepreise den gesamten Markt stützten.

Die entscheidende Variable für den weiteren Verlauf: Ob institutionelle Commerzbank-Aktionäre das Tauschangebot als attraktiv genug empfinden. Solange der Commerzbank-Kurs über dem Angebotspreis von 30,80 Euro notiert, ist die Antwort klar — und der Übernahmedruck bleibt eine Börsengeschichte, keine vollendete Tatsache.

Firmenpleiten auf 20-Jahres-Hoch

Hinter den grünen DAX-Vorzeichen versteckt sich ein Signal, das den Index nicht bewegt, aber die Volkswirtschaft misst. Im April 2026 wurden in Deutschland 1.776 Unternehmensinsolvenzen gezählt — drei Prozent mehr als im März, zehn Prozent mehr als vor einem Jahr, und 82 Prozent über dem Durchschnitt der Vor-Corona-Jahre 2016 bis 2019. Das ist der höchste Stand seit Juni 2005.

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung sieht keine Trendwende. Bis Juli seien weiterhin sehr hohe Insolvenzzahlen zu erwarten, sagte Institutsleiter Steffen Müller. Besonders betroffen sind Hotels und Gastronomie — in Berlin wurden Rekordzahlen registriert, getrieben von Hotelinsolvenzen. Im April waren in den größten zehn Prozent der insolventen Unternehmen knapp 20.000 Arbeitsplätze betroffen, mehr als doppelt so viele wie im Vor-Corona-Durchschnitt.

Die Verbindung zur Marktlage ist strukturell. Steigende Energiekosten durch den Iran-Krieg, schwache Konsumnachfrage und ein gestiegenes Zinsniveau treffen Branchen mit dünnen Margen besonders hart. Hotels buchen weniger — auch weil, wie gleichzeitig gemeldet wurde, Urlaubsbuchungen wegen des Iran-Kriegs einbrechen. Das sind keine Zufälle, sondern verstärkende Mechanismen.

Das Gewicht der Evidenz deutet auf anhaltenden Druck in der Binnenwirtschaft hin — selbst dann, wenn der DAX steigt. Der Leitindex spiegelt exportorientierte Konzerne wie Rheinmetall oder Siemens, nicht den deutschen Mittelstand. Wer diesen Unterschied nicht macht, liest die Markterholung als gesamtwirtschaftliches Signal. Das wäre falsch. Der Korrekturfaktor, auf den man achten sollte: ob der Ölpreis nachhaltig unter 100 Dollar fällt. Erst dann würde sich der Kostendruck auf Gastronomie und Tourismus merklich entlasten — und die Insolvenzkurve könnte drehen. Solange Brent über 100 Dollar notiert, bleibt das nicht passieren.

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