SAP-Absturz Iran-Krieg|DAX unter Druck
SAP und die KI-Falle
SAP hat am Mittwochabend Quartalszahlen vorgelegt — und die Aktie verlor trotzdem mehr als fünf Prozent. Das ist kein gewöhnliches Muster. Es ist ein Signal, das den gesamten europäischen Softwaresektor betrifft.
Die Erklärung beginnt nicht in Walldorf, sondern in New York. Einen Tag zuvor verloren IBM und ServiceNow jeweils acht beziehungsweise siebzehn Prozent — obwohl beide Unternehmen die Erwartungen knapp übertrafen. Der Markt bestraft nicht mehr schlechte Zahlen. Er bestraft fehlende Wachstumsbeschleunigung im KI-Geschäft.
Morgan Stanley und die UBS formulierten es klar: Bei Softwarekonzernen reiche es nicht mehr, stabil zu liefern. Die Frage lautet, ob Künstliche Intelligenz das bestehende Geschäftsmodell aufwertet oder verdrängt. Für SAP bedeutet das konkret: Anleger schauen nicht auf den Umsatz, sondern auf den kurzfristigen Cloud-Auftragsbestand. Steigt dieser nicht deutlich, interpretiert der Markt das als Stagnation im KI-Transformationsprozess.
SAP steht damit vor einem Paradox. Das Unternehmen ist profitabler denn je — doch die Angst vor Disruption durch agentenbasierte KI drückt die Bewertung stärker als jede Quartalsenttäuschung. Solange IBM und ServiceNow als Vergleichsmaßstab gelten, wird dieser Schatten bleiben.
Iran-Krieg und die Konjunkturlücke
Der DAX rutschte am Donnerstag zeitweise unter 24.000 Punkte. Das ist die vierte Verlustsitzung in Folge. Doch die eigentliche Geschichte liegt nicht im Chart — sie liegt in einer einzelnen Zahl der Bundesregierung.
Berlin rechnet für 2026 nur noch mit 0,5 Prozent Wirtschaftswachstum. Vor drei Monaten waren es noch über ein Prozent. Wirtschaftsminister Reiche nennt den Iran-Krieg als Hauptgrund. Der Konflikt hat die Straße von Hormus unter Druck gesetzt — eine der engsten Meerengen der Weltwirtschaft. Rund 20 Prozent des global gehandelten Öls passieren diese Route. Iran beschlagnahmte zwei Handelsschiffe, der Ölpreis überschritt die 100-Dollar-Marke.
VP-Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel beschreibt die Wirkung präzise: Der Einkaufsmanagerindex für den Euroraum fiel im April auf 48,6 Punkte — von 50,7 im März. Ein Wert unter 50 signalisiert Kontraktion. Der Anstieg im Industriesektor täuscht dabei: Längere Lieferzeiten werden rechnerisch positiv gewertet, sind aber diesmal kein Zeichen von Nachfragestärke, sondern von Lieferkettenunterbrechungen. Dasselbe Muster war in der Corona-Pandemie zu beobachten.
Siemens Energy steht in diesem Umfeld als bemerkensame Ausnahme. Der Konzern hob seine Jahresprognose deutlich an — Umsatzwachstum von 14 bis 16 Prozent statt bisher 11 bis 13 Prozent, Free Cashflow von rund acht Milliarden Euro statt vier bis fünf Milliarden. Die starke Nachfrage nach Energieanlagen ergibt sich direkt aus dem Konflikt: Hohe Energiepreise und geopolitische Unsicherheit treiben den Ausbau alternativer Infrastruktur. Die Aktie erreichte ein neues Allzeithoch.
Das scheinbar widersprüchliche Bild — fallender DAX, steigendes Siemens Energy — ist in Wirklichkeit dasselbe Bild. Der Iran-Krieg belastet die Breite des Marktes, während er einen Sektor direkt begünstigt.
VW und die neue Normalität
Ralf Brandstätter, Volkswagens China-Chef, hat einen Satz gesagt, den Wolfsburg lange vermieden hat. „Die Ära der Super-Renditen ist vorbei." Er sagte es nicht als Warnung. Er sagte es als Tatsache.
VW senkt seine China-Absatzziele für 2030 von 3,5 bis 4 Millionen Fahrzeugen auf 3,2 Millionen. Der Konzern hat seit 2023 fünf Werke verkauft, geschlossen oder umgewidmet. 20.000 Stellen wurden abgebaut. Und das Elektrogeschäft bleibt ein Problem: Im ersten Quartal setzte VW in China lediglich 9.400 Elektroautos ab — bei einem Gesamtabsatz von fast 550.000 Fahrzeugen. Der Marktanteil bei Batteriefahrzeugen liegt konzernweit bei etwas über einem Prozent.
BYD dominiert. Der chinesische Markt teilt sich in ein Volumensegment unter 80.000 Yuan und ein Premium-Technologiesegment — beides bislang schwache Zonen für Volkswagen. Mit der Jetta-Submarke versucht VW, das untere Segment zu erschließen, ohne die Kernmarke zu beschädigen. Das Konzeptfahrzeug Jetta X zielt auf rund 10.000 Euro Verkaufspreis, ausschließlich für China entwickelt.
Brandstätter rechnet nicht damit, dass Preise steigen oder die Konkurrenz nachlässt. Das Ziel ist nicht Wachstum, sondern Profitabilität unter schwierigen Bedingungen — vier bis sechs Prozent Umsatzrendite bis 2030.
Die Gesamtlage verdichtet sich zu einem einzigen Test: Ob SAP den KI-Druck durch beschleunigtes Cloud-Wachstum widerlegen kann, wird das Bild für den gesamten europäischen Tech-Sektor prägen. Ob der Ölpreis unter 100 Dollar zurückfällt — möglicherweise durch eine Ausweitung der Trump-Waffenruhe über den aktuellen Stand hinaus — wird bestimmen, wie tief die Konjunkturkorrektur ausfällt. Und ob Volkswagen die Jetta-Strategie in nennenswertem Absatz umsetzen kann, entscheidet, ob der Rückzug aus dem Wachstumsszenario kontrolliert bleibt oder weiter beschleunigt.
Das Gewicht der Argumente deutet darauf hin, dass der DAX unter 24.000 anfälliger ist als die jüngsten Erholungsversuche signalisieren. Der Aufwärtstrend bei Siemens Energy und Rüstungswerten wie Renk und Hensoldt zeigt, dass Kapital bereits rotiert — weg von zyklischen Werten, hin zu Profiteuren des geopolitischen Umfelds. Sollte die Waffenruhe jedoch verlängert und der Ölpreis stabilisiert werden, könnte sich das Bild schnell drehen — besonders für Industriewerte, die zuletzt überproportional litten. Zwei Benchmarks, die morgen zählen: Der Schlusskurs von SAP nach dem nachbörslichen Ergebnis, und ob der Ölpreis die 100-Dollar-Marke hält oder unterschreitet.