Siemens 3-Milliarden-Auftrag|Rekordhoch ohne Käufer
Rekordhoch ohne Schub trifft auf Milliardenauftrag
Der italienische Bahnbetreiber Italo hat bei Siemens Mobility 26 Hochgeschwindigkeitszüge im Wert von rund drei Milliarden Euro bestellt. Und ausgerechnet in dieser Woche, in der die Siemens-Aktie ein neues Allzeithoch markiert hatte, blieben die erwarteten Anschlusskäufe aus.
Normalerweise treibt ein Milliardenauftrag dieser Größenordnung den Kurs eines Industriekonzerns weiter nach oben. Bei Siemens passiert das Gegenteil: Die Chartindikatoren zeigen bereits seit Mitte April eine bärische Divergenz, während die Aktie parallel neue Höchststände erreichte.
Die Frage, die sich damit stellt, ist nicht, ob der Auftrag gut für Siemens ist. Die Frage ist, ob die operative Stärke des Konzerns ausreicht, um eine bereits laufende technische Korrektur aufzuhalten, bevor sie sich beschleunigt.
Der Auftrag selbst — Krefeld, Dortmund und die Bundesnetzagentur als Ermöglicher
Die bestellten Velaro-Züge sollen im Siemens-Werk Krefeld gebaut und im Depot Dortmund gewartet werden. Nach Angaben von Italo entstehen durch den deutschen Markteintritt rund zweitausendfünfhundert neue Arbeitsplätze bei Zulieferern und im Betrieb.
Möglich wurde dieser Auftrag erst durch eine regulatorische Vorentscheidung: Die Bundesnetzagentur verpflichtet die Deutsche-Bahn-Tochter InfraGo, auf stark ausgelasteten Strecken zwischen fünfundzwanzig und vierzig Prozent ihrer Kapazitäten an Wettbewerber wie Italo abzugeben. Ohne diese Marktöffnung gäbe es für Italo keinen Grund, deutsche Züge in dieser Stückzahl zu bestellen.
Die Deutsche Bahn selbst bewertet die Entscheidung der Behörde als rechtlich fragwürdig und prüft Widerstand, während der Verband Mofair den Beschluss als Wettbewerbsgewinn für Fahrgäste feiert. Diese Uneinigkeit zwischen den Marktteilnehmern zeigt, dass der regulatorische Rückenwind für Siemens keineswegs als endgültig gesichert gelten kann.
Der eigentliche Betrieb der neuen Züge beginnt erst Mitte zweitausendachtundzwanzig. Bis dahin bleibt der Auftrag für Siemens vor allem ein Bilanzeffekt auf den Auftragsbestand, ohne kurzfristigen Umsatzbeitrag.
Die verdeckte Annahme — warum der Chart den Fundamentaldaten misstraut
Die stillschweigende Annahme, mit der viele Anleger derzeit rechnen, lautet: Ein wachsender Auftragsbestand rechtfertigt automatisch einen weiter steigenden Kurs. Genau diese Annahme stellt der aktuelle Chart infrage.
Die Aktie ist bereits unter ihre bei rund zweihundertsiebzig Euro verlaufende 50-Tage-Linie gefallen und hat ihre im Mai noch hohe Trendstärke fast vollständig eingebüßt. Sollte die untere Trendkanalgrenze durchbrochen werden, rechnen Chartanalysten mit einem beschleunigten Rückgang in Richtung zweihundertfünfzig Euro, nahe der 200-Tage-Linie.
Gleichzeitig steht die Aktie seit Jahreswechsel weiterhin gut elf Prozent im Plus, und der langfristige Aufwärtstrend bleibt fundamental intakt. Der Widerspruch besteht darin, dass ausgerechnet der schwächelnde KI-Trade und der wieder aufgeflammte Iran-Konflikt die Anschlussrallye nach dem neuen Hoch verhindert haben, nicht ein Problem im Kerngeschäft von Siemens selbst.
Für bestehende Aktionäre wird der Moment entscheidend, in dem der MACD sein Vorzeichen tatsächlich dreht: Bestätigt sich dieser Wechsel, wird aus dem Rekordhoch ohne Anschlusskäufe eine handfeste Korrektur, die Bestände absichern lässt. Bricht die Aktie dagegen zurück über die 50-Tage-Linie bei rund zweihundertsiebzig Euro, wertet der Markt den Milliardenauftrag als das stärkere Signal und die aktuelle Schwäche als Kaufgelegenheit. Wer die Aktie beobachtet, sollte genau diese Marke im Blick behalten, bevor er über einen Einstieg entscheidet.
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