Siemens Energy 6%|Gewinn verfehlt, Free Cashflow verdoppelt

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Der DAX fällt — und eine Aktie macht das Gegenteil

Der DAX schloss heute den vierten Handelstag in Folge im Minus. 24.155 Punkte. Nur knapp über der 200-Tage-Linie, die zeitweise gerissen wurde. Der Ölpreis hält sich hartnäckig über 100 Dollar. Die Straße von Hormus bleibt der größte Unsicherheitsfaktor für Industrie, Chemie und Logistik. Und SAP, das schwerste DAX-Papier neben Siemens und Siemens Energy, verlor vor der Veröffentlichung seiner Quartalszahlen 6,1 Prozent — der schwächste Wert im Index.

In diesem Umfeld hätte man erwarten können, dass Siemens Energy mitgezogen wird. Das Papier hatte im Xetra-Handel bereits 2,5 Prozent zugelegt. Dann kamen die Zahlen — nach Börsenschluss. Und die Aktie stieg nochmals um 3,5 Prozent.

Das Unternehmen erzielte im zweiten Quartal einen Umsatz von 10,3 Milliarden Euro. Analysten hatten 10,8 Milliarden erwartet. Der Nettogewinn lag bei 835 Millionen Euro — der Konsens hatte 911 Millionen prognostiziert. Das operative Ergebnis verfehlte ebenfalls die Erwartungen. Auf Konzernebene enttäuschte nahezu jede Ergebniskennzahl.

Und trotzdem hebt Vorstandschef Christian Bruch die Jahresprognose an.

Wenn die Auftragsbücher mehr sagen als die Gewinn-und-Verlust-Rechnung

Der Schlüssel liegt nicht in dem, was Siemens Energy im zweiten Quartal verdient hat. Er liegt in dem, was das Unternehmen in den nächsten Quartalen verdienen wird.

Der Auftragseingang sprang um 29,5 Prozent auf 17,75 Milliarden Euro. Analysten hatten 15,6 Milliarden erwartet. Das ist eine Abweichung von mehr als zwei Milliarden Euro — nach oben. Die Sparte Grid Technologies, die Netztechnologien für die Energiewende liefert, verbuchte einen Auftragsanstieg von 41,5 Prozent. Gas Services legte knapp ein Drittel zu. Der Gesamtauftragsbestand des Konzerns steht inzwischen bei 146 Milliarden Euro.

Das Umsatzwachstum für das Gesamtjahr wurde von 11 bis 13 Prozent auf 14 bis 16 Prozent angehoben. Die bereinigte Ergebnismarge steigt von 9 bis 11 auf 10 bis 12 Prozent. Und der freie Cashflow — bislang mit 4 bis 5 Milliarden Euro anvisiert — soll nun bei rund 8 Milliarden Euro liegen.

Das ist keine kleine Korrektur. Das ist eine Verdopplung des erwarteten freien Mittelzuflusses zur Jahresmitte.

Doch hier liegt das eigentliche Spannungsfeld. Ein Auftragseingang von fast 18 Milliarden in einem Quartal bedeutet: Das Geld ist noch nicht verdient. Es muss noch gebaut, geliefert und abgerechnet werden. Siemens Energy betreibt ein kapitalintensives Projektgeschäft — Turbinen, Transformatoren, Netzkomponenten. Zwischen Auftragseingang und Umsatz liegen oft ein bis drei Jahre. Was heute ins Auftragsbuch kommt, erscheint morgen nicht im Gewinn.

Die Frage, die Anleger offensichtlich beantworten wollen, ist nicht: Wie war das zweite Quartal? Sondern: Wie viel davon wird in Gewinne umgewandelt?

Allzeithoch-Nähe im vierten DAX-Verlust-Tag — was hält?

Siemens Energy notiert aktuell nahe seines Allzeithochs. Seit Jahresbeginn hat die Aktie über 40 Prozent zugelegt. Das ist kein neues Phänomen — aber in einem Marktumfeld, in dem der DAX den Iran-Krieg, steigende Energiepreise und schwache Einkaufsmanagerdaten verarbeitet, ist es bemerkenswert, dass ausgerechnet ein Energietechnikkonzern die schlechtesten Makro-Nachrichten des Jahres outperformt.

Der Vergleich zur jüngeren Geschichte hilft dabei. Noch im Herbst 2024 kämpfte Siemens Gamesa — die Windkrafttochter — mit massiven Verlusten. Der Verlust dieser Sparte schrumpfte nun auf 44 Millionen Euro, verglichen mit 249 Millionen im Vorjahreszeitraum. Das ist ein Rückgang um 82 Prozent. Kein Gewinn — aber die Richtung ist eindeutig.

Hinzu kommt die strategische Positionierung. Siemens Energy hat eine Kooperation mit Amazon Web Services aufgebaut und liefert Energieinfrastruktur für KI-Rechenzentren — Umspannanlagen, Netztechnik, Hochleistungsversorgung. In einer Zeit, in der Datenzentren für KI einen enormen Strombedarf erzeugen, ist das kein Nischengeschäft.

Doch zwei Bedingungen müssen erfüllt bleiben, damit die aktuelle Bewertung trägt. Erstens muss die Konvertierungsrate von Aufträgen zu Umsatz stabil bleiben. Ein signifikanter Projektausfall oder eine Verschiebung im Backlog würde die Gewinnprognose zerstören. Zweitens muss die Margenentwicklung bei Grid Technologies halten — 18 bis 20 Prozent Marge in einem Geschäft, das der Konzern noch vor wenigen Jahren kaum kannte.

Wenn beide Bedingungen halten, sind die von einzelnen Analysten genannten Kursziele von 200 bis 220 Euro rechnerisch erreichbar. Wenn einer der großen Aufträge ins Rutschen gerät oder der Ölpreis die Investitionslust bei Energieunternehmen dämpft — dann ist der Auftragsbestand von 146 Milliarden Euro keine Garantie, sondern ein Versprechen.

Morgen beginnt in Peking die Automesse. Die deutschen Autobauer präsentieren neue Modelle — in einem Markt, in dem chinesische Hersteller wie Geely mit ihrem Zeekr 8X für 53.000 Dollar direkt gegen Porsche Cayenne und BMW X5 antreten. Der DAX-Blick wird sich verschieben. Ob Siemens Energy dann weiter über dem Markt steht oder der Auftragseuphorie die Luft ausgeht, wird sich zeigen — aber der freie Cashflow von 8 Milliarden ist die Zahl, die das entscheidet.

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