SpaceX 27% über Ausgabepreis|aber 95% der Aktien noch gesperrt
Der Rekord-Börsengang und das verborgene Angebotsrisiko
SpaceX schloss seinen ersten Handelstag mit einem Plus von 19 Prozent bei 160,95 Dollar. Am Montag legte die Aktie an deutschen Börsen weitere sechs Prozent zu — als meistgehandelter Titel in Stuttgart und Berlin, mit 92 Millionen Euro Umsatz allein bis zum Mittag. Das klingt nach einem eindeutigen Signal. Es ist keines.
Der provisorische Antwort liegt nicht bei Musk und nicht bei den Analysten. Sie liegt bei einer Zahl, die kaum jemand nennt: 4,3 Prozent. Das ist der Anteil der SpaceX-Aktien, der überhaupt frei handelbar ist. Die übrigen 95,7 Prozent befinden sich noch bei Insidern, frühen Investoren und Musk selbst — allesamt durch Lock-up-Vereinbarungen gesperrt.
Wer jetzt kauft, kauft in einen Markt mit künstlich engem Angebot. Das begrenzte Angebot treibt den Kurs, nicht die Fundamentaldaten. SpaceX schrieb 2025 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Dollar bei einem Umsatz von 18,7 Milliarden — bewertet wird das Unternehmen mit 2,1 Billionen Dollar, dem 112-fachen des Umsatzes.
Morningstar sieht den fairen Wert bei 780 Milliarden, Damodaran bei 1,35 Billionen, Musk selbst nennt für 2030 eine Billion Dollar Umsatz. Drei völlig unterschiedliche Zahlen für dieselbe Aktie. Das ist nicht Analyse — das ist Interpretation einer unbekannten Zukunft.
Starlink ist der einzige Geschäftsbereich, der heute stabile Einnahmen generiert: 3,26 Milliarden Dollar im ersten Quartal 2026. Das Rest-Geschäft — Raketenstart, KI durch xAI-Integration — ist entweder abhängig von staatlichen Verträgen oder noch in der Verlustzone. Die Aktie kauft man nicht für 2026. Man kauft sie für ein Jahrzehnt, das perfekt laufen muss.
Der Lock-up-Kalender: was Anleger wirklich im Blick haben müssen
Der Kurs von SpaceX steht und fällt in den kommenden sechs Monaten nicht mit Musks Umsatzzielen, sondern mit einem Zeitplan, der bereits feststeht. Chan Ahn, ehemaliger Goldman Sachs-Derivate-Experte, hat die Abfolge dokumentiert: Ende August verdoppelt sich das handelbare Angebot. Ende September versechsfacht es sich. Bis Halloween wird ein Drittel des gesamten Unternehmens handelbar sein.
Das ist die Spannung, die der Kurs heute noch nicht eingepreist hat. Kein Investor weiß, zu welchen Kursen frühe SpaceX-Aktionäre verkaufen wollen. Einige haben seit Jahren auf diesen Moment gewartet und erhebliche Buchgewinne aufgebaut. Wenn sie ab Ende August verkaufen dürfen, trifft ihr Angebot auf eine Retail-Nachfrage, die nie eine vergleichbare Kapitaltiefe hatte.
Gleichzeitig gibt es einen Gegenpol. SpaceX soll innerhalb von zehn Handelstagen in den Nasdaq-100 aufgenommen werden — über den Fast-Entry-Mechanismus. Das zwingt ETF-Manager, die den Index abbilden, SPCX-Aktien zu kaufen. Das schafft strukturelle Nachfrage, die unabhängig vom Kurs entsteht. Wie stark dieser ETF-Puffer den Lock-up-Druck abfedert, ist die Frage, die sich zwischen jetzt und August entscheidet.
Die versteckte Annahme der Bullen lautet: ETF-Zuflüsse und künftige Quartalszahlen reichen aus, um den Lock-up-Druck zu absorbieren. Diese Annahme ist nicht falsch — aber sie ist unbewiesen. SpaceX hat noch keinen einzigen Quartalsbericht als börsennotiertes Unternehmen veröffentlicht.
Gegenargument: Musk hält 42 Prozent und ist bis Juni 2027 gesperrt. Das ist ein Signal, dass er kein Interesse daran hat, den Kurs zu beschädigen — seine eigene Bilanz hängt davon ab. Das mildert den Druck, beseitigt ihn aber nicht.
Für Halter gilt: Die nächste Entscheidungsschwelle ist nicht der nächste Kursanstieg, sondern der erste Lock-up-Termin Ende August. Dort zeigt sich, ob frühe Investoren aggressiv verkaufen oder abwarten. Für Beobachter ohne Position gilt: Ein Einstieg zu aktuellen Kursen — 27 Prozent über Ausgabepreis — nimmt das Lock-up-Risiko vollständig vorweg, ohne zu wissen, wie es sich auflöst. Der bessere Einstiegspunkt liegt nach dem ersten Lock-up-Termin, wenn die Reaktion der frühen Investoren sichtbar wird.
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