SpaceX KUV 150 trotz 4,9 Mrd. Verlust|Warum Profis nicht dagegen wetten
Der teuerste Börsengang der Geschichte — und kaum einer wettet dagegen
SpaceX notiert am vierten Handelstag bei 201 Dollar, 50 Prozent über dem Ausgabepreis von 135 Dollar. Das Unternehmen hat 2025 einen Nettoverlust von 4,9 Milliarden Dollar geschrieben. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt bei 150 — Amazon, das 743 Milliarden Dollar Umsatz macht, wird bei 140 gehandelt. Und dennoch hält sich die Zahl der Short-Positionen bei lediglich 45 Millionen Dollar.
Der Engpass liegt nicht in der Fundamentaldebatte, sondern in der Marktmechanik. Nur 4,2 Prozent aller SpaceX-Aktien sind derzeit frei handelbar. 555 Millionen Aktien zirkulieren am Markt; 911 Millionen Insider-Anteile sind bis Anfang August gesperrt. Wer gegen SpaceX wettet, riskiert einen Short-Squeeze in einem Markt, in dem schlicht zu wenig Papier vorhanden ist, um eine short position sicher aufzubauen.
Die Cursor-Übernahme für 60 Milliarden Dollar, heute bekanntgegeben, verstärkt das Narrativ: SpaceX will nicht nur Raketen bauen, sondern globale KI-Infrastruktur kontrollieren. Doch Morningstar hat die Aktie auf 63 Dollar bewertet — 53 Prozent unter dem Ausgabepreis. Das Auseinanderklaffen ist kein Irrtum eines Hauses. Es ist der sichtbare Riss im Markt.
Gamma-Effekt und Index-Zwang: warum der Kurs auch ohne Fundamentalverbesserung steigen kann
Am ersten Tag des Optionshandels wurden 1,8 Millionen Kontrakte gehandelt. Der überwiegende Teil waren Call-Optionen — Wetten auf steigende Kurse. Wenn Anleger Calls kaufen, müssen Market Maker die zugrundeliegenden Aktien kaufen, um ihr Risiko abzusichern. Je stärker die Call-Nachfrage, desto mehr Aktien müssen Market Maker kaufen. Das ist der Gamma-Effekt.
Dieser Mechanismus erzeugt Kaufdruck, der mit den Geschäftszahlen von SpaceX nichts zu tun hat. Parallel dazu muss SpaceX innerhalb von 15 Tagen nach dem IPO in den Nasdaq-100 aufgenommen werden. ETFs, die diesen Index abbilden, haben Kaufzwang — und das bei einem Free Float von 4,2 Prozent.
Dazu kommt der Direxion zweifach gehebelter SpaceX-ETF, der täglich rebalanciert und ebenfalls Aktien kauft. Susquehanna-Stratege Chris Murphy hat das offen ausgesprochen: Die größten Geschäfte wirkten wie Absicherungen gegen künftige Angebotsrisiken — Upside-Calls gegen Angebotsknappheit jetzt, Downside-Puts gegen Lock-up-Ende im August.
Das bedeutet: Der aktuelle Kurs von 200 Dollar spiegelt nicht primär das Vertrauen in SpaceX als Unternehmen wider. Er spiegelt den Kaufzwang einer Struktur wider, in der zu wenig Angebot auf organisierte Nachfrage trifft. Das ist die verborgene Kraft, die Morningstar-Modelle nicht erfassen.
Morningstar $63 gegen ARK $444 Millionen: dieselben Zahlen, entgegengesetzte Schlüsse
Morningstar hat drei Szenarien berechnet. Im Basisszenario kommt SpaceX auf 63 Dollar. Im optimistischsten Fall — dem "Mondlandungsszenario" — wäre die Aktie 154 Dollar wert. Dieses Szenario hält Morningstar für sieben Prozent wahrscheinlich. Das bedeutet: Selbst wenn alles perfekt läuft, liegt der innere Wert noch unter dem Ausgabepreis.
Cathie Woods ARK-ETFs haben am selben Tag 3,29 Millionen Aktien für 444 Millionen Dollar gekauft. ARK sieht den Unternehmenswert bis 2030 im Basisszenario bei 2,5 Billionen Dollar. CFRA-Analyst Keith Snyder dagegen setzt ein Kursziel von 115 Dollar — unter dem Ausgabepreis — und nennt die Bewertung "nahezu absurd". Goldman Sachs sagt: Die Marge fällt in einen Bereich, der historisch nur bei enormem Branchenstress erreicht wurde — aber hält an "Buy" fest.
Die vier Häuser analysieren dasselbe Unternehmen mit denselben Zahlen: Umsatz 18,7 Milliarden Dollar, Verlust 4,9 Milliarden Dollar, keine Gewinne. Die versteckte Annahme, die alle Modelle auseinandertreibt, ist die Zeitachse: Wann beginnt SpaceX, in seine Bewertung hineinzuwachsen? Morningstar setzt strenge Wahrscheinlichkeiten auf den Zeitplan. ARK setzt auf exponentielles Wachstum ohne konkrete Jahresgrenzen. Elon Musk selbst schrieb auf X, er glaube an einen Umsatz von einer Billion Dollar bis 2030. Das ist das Fünfzigfache des heutigen Umsatzes in vier Jahren — eine Annahme, die keines der skeptischen Modelle für plausibel hält.
Peter Boockvar hat es klar formuliert: "Irgendwann kommt der Moment der Wahrheit, in dem die Fundamentaldaten mit der Begeisterung in Einklang gebracht werden müssen." Die Frage ist nur, wann dieser Moment kommt. Und die Antwort darauf gibt Anfang August der erste Quartalsbericht.
August-Bericht und Lock-up-Ende: der doppelte Stresstest
Anfang August wird SpaceX erstmals Quartalszahlen als börsennotiertes Unternehmen vorlegen. Zwei Tage nach dieser Veröffentlichung endet die erste Lock-up-Frist für Insider-Aktien. Das bedeutet: 911 Millionen Aktien, mehr als das Doppelte des derzeit frei handelbaren Streubesitzes, könnten auf den Markt strömen.
Max Gokhman von Franklin Templeton hat die Frage offen gestellt: "Was passiert, wenn der Retail-Schub nachlässt und die Schwerkraft der institutionellen Anleger und Mitarbeiter zum Tragen kommt?" Diese Frage ist heute nicht beantwortbar. Aber sie bestimmt, welche Variable ein Halter tatsächlich beobachten muss.
Das ist nicht die Morningstar-Zahl von 63 Dollar — die gilt als langfristiger innerer Wert und ändert sich mit den Quartalsergebnissen. Es ist auch nicht das Goldman-Kursziel von 107 Dollar. Der relevante Indikator ist das Verhältnis von Free Float zu Insider-Angebot nach dem Lock-up — und ob der Q1-Bericht zeigt, dass SpaceX die Wachstumskurve hält oder verfehlt.
Ein Halter, der bis August hält, wettet darauf, dass der Gamma-Mechanismus und die Index-Aufnahme die Kurse bis zum Bericht stabilisieren. Ein Watcher, der heute einsteigen will, zahlt 201 Dollar für ein Unternehmen, das laut Morningstar im besten Fall 154 Dollar wert ist. Die Gegenposition ist nicht Morningstar recht zu geben — es ist zu warten, ob der Q1-Bericht die erste echte Zahl liefert, die das Modell von ARK stützt oder widerlegt.
Das ist der einzige Indikator, der heute zählt: Umsatzwachstum im ersten Quartal als börsennotiertes Unternehmen — nicht als Geschichte, die Elon Musk auf X erzählt.
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