Strom bei -499 Euro|Warum Deutschland dafür zahlt, mehr zu verbrauchen
Der DAX steigt — während Westeuropa in Rekordinsolvenzen versinkt
Heute schoss der DAX um 1,71 Prozent auf 24.401 Punkte — der stärkste Handelstag seit Wochen. Rückenwind kam von sinkenden Energiepreisen und einer Flut starker Quartalszahlen. Rheinmetall legte trotz eines deutlich verfehlten Umsatzes von 1,94 Milliarden Euro — gegenüber einem Konsens von 2,3 Milliarden — um 4,55 Prozent zu. Siemens Energy kletterte auf 181,94 Euro und näherte sich seinem Allzeithoch von 188 Euro, nachdem das Unternehmen die Jahresprognose auf 14 bis 16 Prozent Wachstum anhob. UniCredit legte offiziell ein Kaufangebot von 31,07 Euro je Commerzbank-Aktie vor — die Commerzbank-Aktie stieg daraufhin um 3,5 Prozent.
Und doch: Am selben Tag meldete die Wirtschaftsauskunftei Creditreform, dass Westeuropa im Jahr 2025 insgesamt 197.610 Unternehmensinsolvenzen verzeichnet hat — den höchsten Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 2002. In Deutschland allein wurden rund 24.000 Fälle registriert, das höchste Niveau seit 2014. Im ersten Quartal 2026 stiegen die Insolvenzzahlen nochmals um 17 Prozent gegenüber dem Vormonat. Creditreform-Experte Patrik-Ludwig Hantzsch formulierte es knapp: „Die Krise ist nicht nur konjunkturell, sie ist strukturell." Börse und Realwirtschaft leben heute in zwei parallelen Welten.
Mitten in dieser Gemengelage ereignete sich am 1. Mai etwas, das kaum Schlagzeilen machte — und genau deshalb besondere Aufmerksamkeit verdient.
-499 Euro pro Megawattstunde: Der Tag, an dem Deutschland dafür zahlte, Strom zu verbrauchen
Am 1. Mai fiel der Börsenstrompreis zeitweise auf minus 499 Euro pro Megawattstunde. Nicht null — minus 499. Wer an diesem Tag Strom abnahm, bekam 49,9 Cent pro verbrauchter Kilowattstunde ausgezahlt. Haushalte zahlen normalerweise 37 Cent dafür. Der Steuerzahler übernahm die Differenz — laut Medienberichten belief sich der Schaden allein an diesem Tag auf einen dreistelligen Millionenbetrag.
Wie ist das möglich? Der Grund liegt im Zusammenspiel aus Feiertagsnachfrage und einem Einspeisesystem, das keine Rückkopplungsschleife kennt. Am 1. Mai, einem Feiertag, speisten fast sechs Millionen Photovoltaikanlagen ungebremst Strom ins Netz. Die Nachfrage war gering. Das Angebot überwältigend. Der Börsenpreis kollabierte ins Negative. Doch die Betreiber kleiner Photovoltaikanlagen haben nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz Anspruch auf eine garantierte Einspeisevergütung — unabhängig davon, was der Markt gerade zahlt. Für sie entstehen beim Weiterbetrieb keine Kosten. Also laufen die Anlagen weiter. Das EEG-Konto gleicht dann die Differenz zwischen Vergütung und Marktpreis aus — und diese Lücke trägt der Bundeshaushalt.
Stefan Kapferer, Chef des Stromübertragungsnetzbetreibers 50Hertz, gab gegenüber dem Handelsblatt bekannt, dass es von Januar bis April 2026 bereits 166 Stunden mit negativen Strompreisen gab. Das sind nicht Ausreißer — das ist ein wiederkehrendes Muster. Die vorhandenen Batteriespeicher könnten unter optimalen Bedingungen 28 Gigawattstunden aufnehmen. Doch sie wären nach 1,6 Stunden voll. Und auch bei stark negativen Preisen spielten sie laut Bundesnetzagentur „kaum eine relevante Rolle im Markt".
Hier liegt die eigentliche Spannung: Die Energiewende produziert immer mehr Strom — und je mehr sie produziert, desto häufiger zahlt Deutschland dafür, dass irgendjemand diesen Strom abnimmt.
EEG-Novelle oder strukturelles Problem: Was als nächstes entscheidet
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche plant eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Betreiber kleinerer Photovoltaikanlagen sollen künftig keine staatlich garantierte Einspeisevergütung mehr erhalten, sondern ihren Strom selbst vermarkten. Das würde den Anreiz schaffen, Anlagen bei negativen Preisen abzuschalten. Der Bundesverband Erneuerbare Energie lehnt die Novelle ab — BEE-Präsidentin Ursula Heinen-Esser warnt vor einem Ausbaustopp. Die Kritik kommt auch aus der SPD.
Ein historischer Vergleich hilft, die Dimension einzuordnen. Im Winter 2022 explodierte der deutsche Strompreis auf über 800 Euro pro Megawattstunde — damals wegen Gasmangels und geopolitischer Unsicherheit nach dem Beginn des Ukraine-Krieges. Heute sind die Preise auf minus 499 Euro gefallen — wegen eines Überangebots, das das System nicht abbauen kann. Dieselbe Infrastruktur produziert nun das gegenteilige Problem. Damals zahlten Verbraucher und Unternehmen zu viel. Heute zahlt der Staat dafür, dass Strom irgendwo verschwindet.
Die entscheidende Variable ist die Speicherkapazität. Wenn Deutschland bis 2028 die geplanten Großspeicherprojekte in Betrieb nimmt, könnte das Fenster negativer Preise schrumpfen. Dann wären Momente wie der 1. Mai beherrschbar. Wenn jedoch die EEG-Novelle scheitert und der Speicherausbau hinter den Erwartungen zurückbleibt, werden die 166 Stunden aus dem ersten Quartal 2026 im Jahresverlauf weiter steigen — und mit ihnen die Kosten für den Bundeshaushalt.
Die Beweislage zeigt bislang in eine Richtung: Das System produziert an Spitzentagen mehr Strom als es verarbeiten kann, und der Steuerzahler gleicht die Differenz aus. Dieser Trend setzt sich fort, solange die Speicherinfrastruktur nicht mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien Schritt hält. Die Gegenbewegung ist möglich — aber sie setzt voraus, dass die EEG-Novelle tatsächlich kommt und die Großspeicher schneller gebaut werden als geplant. Den Nachweis dafür liefert nicht der nächste Feiertag, sondern der nächste sonnige Sonntag im Juni.