Uber kauft Delivery Hero für 10 Mrd.|Dementi war die Strategie?

· DAX

Der Pfingstmontag und die Kursfeuerwerke

Der deutsche Aktienmarkt hat am Pfingstmontag mit einer breiten Erholung auf sich aufmerksam gemacht. Der Dax schloss mit einem Plus von 2,01 Prozent bei 25.389 Punkten und durchbrach dabei die psychologisch bedeutsame Marke von 25.000 Punkten, die er zuletzt vor zweieinhalb Wochen nach unten verlassen hatte. Der Antrieb kam von zwei Seiten: Zum einen sendete die Wall Street positive Signale, zum anderen zeichnete sich im Nahostkonflikt zwischen den USA und dem Iran eine überraschende Entspannung ab. Diese geopolitische Entwicklung drückte die Ölpreise spürbar nach unten und beflügelte insbesondere Reise- und Luftfahrtwerte. Lufthansa und TUI verzeichneten deutliche Kursgewinne, da sinkende Kerosinpreise unmittelbar auf die Gewinnerwartungen der Branche einwirken. Das Rekordhoch des Dax vom Januar dieses Jahres liegt damit rechnerisch in greifbarer Nähe.

Innerhalb dieser Erholungsbewegung ragte eine Einzelentwicklung heraus, die den gesamten Markt in den Schatten stellte. Die Aktie von Delivery Hero, dem Berliner Essenslieferdienst, sprang im späten Handel um mehr als sieben Prozent auf 35,50 Euro. Damit bewertet die Börse das Unternehmen mit rund 10,7 Milliarden Euro — fast identisch mit dem Wert, den Bloomberg in einem Bericht über eine mögliche Vollübernahme durch den US-Fahrdienstvermittler Uber Technologies nannte. Seit dem Rekordtief im März hat sich der Kurs von Delivery Hero damit bereits mehr als verdoppelt. Übernahmespekulationen hatten einen ehemaligen Dax-Konzern zurück ins Rampenlicht gebracht — doch was sich dahinter verbirgt, reicht tiefer als die Schlagzeile.

Das Dementi, das keines war

Noch in dieser Woche hatte Uber in einer offiziellen Pflichtmitteilung erklärt, man habe derzeit nicht die Absicht, 30 Prozent oder mehr der Stimmrechte an Delivery Hero zu erwerben. Diese Aussage ist in Deutschland keine Floskel — sie ist eine regulatorisch relevante Erklärung mit direkten Konsequenzen. Überschreitet ein Investor die Schwelle von 30 Prozent, ist ein Pflichtangebot an alle übrigen Aktionäre fällig. Das Dementi sollte Beruhigung signalisieren. Es signalisierte stattdessen das Gegenteil.

Denn parallel zu diesem öffentlichen Dementi hatte die US-Investmentbank Morgan Stanley im Auftrag von Uber eine Position von 30 Prozent an Delivery Hero aufgebaut — nicht durch direkten Aktienkauf, sondern durch Derivate. Diese Finanzinstrumente erlauben es, wirtschaftliches Interesse an einem Unternehmen zu akkumulieren, ohne sofort an die meldepflichtige Stimmrechtsschwelle zu stoßen. Morgan Stanley hielt diese Position formal in eigenem Namen. Uber selbst hielt direkt knapp 19,5 Prozent und hatte sich über Derivate weitere 5,6 Prozent gesichert. Die Übernahmemacht war bereits verteilt, als das Dementi veröffentlicht wurde.

Auf der anderen Seite der Transaktion befand sich Prosus, der niederländische Technologieinvestor und bisherige Großaktionär mit 16,8 Prozent. Prosus steht unter regulatorischem Druck: Nach der Übernahme des Delivery-Hero-Rivalen Just Eat Takeaway ist das Unternehmen verpflichtet, seinen Anteil an Delivery Hero auf unter zehn Prozent zu reduzieren. Prosus ist kein freiwilliger Verkäufer — es ist ein erzwungener Verkäufer mit festem Zeitplan. Auch der Hedgefonds Aspex Management, der mit 14,4 Prozent zu den größten Anteilseignern zählt, hatte kürzlich Druck auf den Gründer Niklas Östberg ausgeübt und dessen Rückzug als Vorstandschef bis Frühjahr 2027 durchgesetzt. Ein Unternehmen, dessen Gründer auf dem Rückzug ist, dessen zweitgrößter Aktionär verkaufen muss und dessen drittgrößter Aktionär Restrukturierungsdruck ausübt — das ist keine neutrale Ausgangslage für eine Übernahme. Das ist eine Einladung.

Das Pflichtmitteilungs-Dementi von Uber war technisch korrekt — weil Morgan Stanley die 30 Prozent bereits hielt und Uber selbst die Schwelle noch nicht überschritten hatte. Die regulatorische Pflicht zum Übernahmeangebot tritt erst ein, wenn Uber direkt diese Grenze überquert. Das Dementi kaufte Zeit, es verhinderte nichts. Der Markt hatte diesen Mechanismus nicht eingepreist — der Kurssprung von sieben Prozent am Montag ist der messbare Preis dieser Lücke.

Zwei Szenarien für die nächsten zehn Handelstage

Das Fortsetzungsszenario tritt ein, wenn Uber sein direktes Stimmrechtspaket auf über 30 Prozent erhöht. Ab diesem Moment ist ein formelles Pflichtangebot an alle Aktionäre nicht mehr vermeidbar. Der Bloomberg-Bericht nennt eine Bewertung von zehn Milliarden Euro, was einem Preis von ungefähr 33 bis 35 Euro je Aktie entspräche. Sollte Prosus seinen regulatorisch erzwungenen Verkauf über den Markt abwickeln und Uber oder Morgan Stanley als Käufer auftreten, wäre die Schwelle schnell erreicht. In diesem Szenario würde Delivery Hero den deutschen Kapitalmarkt verlassen — ein weiterer ehemaliger Dax-Konzern in ausländischer Hand.

Das Zusammenbruchsszenario ergibt sich, wenn Uber die Übernahme aus regulatorischen oder finanzierungstechnischen Gründen abbricht. Die EU-Wettbewerbsbehörden hätten bei einer Kombination aus Uber Eats und Delivery Hero — mit Marktanteilen in Deutschland, den Niederlanden, Polen und weiten Teilen des Nahen Ostens — erhebliche Prüfpflichten. Sollte die Europäische Kommission signalisieren, dass sie eine Vollübernahme blockieren würde, fiele der Kurs von Delivery Hero deutlich unter die Marke von 30 Euro zurück.

Der Verifikationsmaßstab für die kommenden Handelstage ist klar: Entweder reicht Uber eine aktualisierte Pflichtmitteilung ein, die eine veränderte Absicht bezüglich der 30-Prozent-Schwelle erklärt, oder Prosus veröffentlicht eine Transaktion, die auf einen koordinierten Blockverkauf hindeutet. Beides würde das Fortsetzungsszenario bestätigen. Ausbleibende Meldungen bei gleichzeitig nachlassendem Handelsvolumen in der Delivery-Hero-Aktie wären das erste Zeichen für eine Abschwächung des Übernahmedrucks.

Die eigentliche Frage bleibt offen: Ob die Derivatposition von Morgan Stanley — die formal außerhalb der meldepflichtigen Stimmrechtsschwelle liegt — von der BaFin oder der EU-Kommission als de-facto-Kontrollinstrument gewertet wird. Wenn ja, wäre das Dementi der vergangenen Woche nicht nur eine Taktik gewesen, sondern ein regulatorisches Problem. Das wäre der Punkt, an dem dieser Montag eine ganz andere Bedeutung bekäme.

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