Uniper-Verkauf bei 99,12 Prozent|Wer zahlt für Deutschlands Gas-Rückzug?
Frankfurt zwischen Iran-Verschiebung und stillem Staatsausstieg
Der Dax hat den Dienstag im oberen Drittel der vergangenen zwei Wochen geschlossen, getragen von der Nachricht, dass ein direkter Angriff auf den Iran zunächst verschoben wird. Der Index gewann rund 1,8 Prozent und erreichte den höchsten Stand seit zehn Tagen. Rüstungstitel führten die Erholung an. Rheinmetall sprang um 4,4 Prozent auf 1.169,60 Euro, obwohl das Papier noch immer 41 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 1.988 Euro notiert. Hensoldt und Renk zogen mit. Im Hintergrund schloss Bosch einen Großauftrag über E-Motoren mit Mercedes ab, und Uber erhöhte seine Beteiligung an Delivery Hero auf 19,5 Prozent inklusive Optionen, was effektiv eine Sperrminorität ergibt. Es war eine Sitzung, in der das Kapital risikofreudiger positioniert wurde. Doch genau in diesem Moment platzierte das Bundesfinanzministerium eine Anzeige in der Financial Times. Verkauft wird ein Energiekonzern. Der Verkäufer ist der Bund selbst. Uniper, vor vier Jahren noch das Symbol der Gaskrise, soll wieder an private Hände. Die Entscheidung fiel an einem Tag, an dem Geopolitik die Schlagzeilen dominierte, und sie liefert dennoch das entscheidende Signal über die Risikobereitschaft des deutschen Staates.
Vom 13-Milliarden-Rettungspaket zum Pflichtverkauf bis 2028
Der Kern dieser Nachricht liegt nicht in der Tatsache des Verkaufs, sondern in der Bewegung der Beteiligung. Berlin hält aktuell 99,12 Prozent an Uniper. Bis Ende 2028 muss dieser Anteil auf maximal 25 Prozent plus eine Aktie sinken. Die EU hat das Rettungspaket von rund 13,5 Milliarden Euro aus dem Jahr 2022 nur unter dieser Bedingung genehmigt. Das ist der Mechanismus, der jetzt greift. Interessenten haben bis zum 12. Juni Zeit, eine Absichtserklärung bei UBS und JP Morgan einzureichen. Zwei Wege stehen offen: Börsengang oder Direktverkauf an Investoren. Der erwartete Erlös liegt im einstelligen Milliardenbereich, deutlich unter den eingesetzten Rettungsmitteln. Hier wird die Logik brüchig. Der Bund verkauft in einem Markt, in dem Gas-Infrastruktur wieder als strategisches Asset gilt. Die Versorgungssicherheit Deutschlands hängt an Unipers Importportfolio, das nach dem Wegfall russischer Lieferungen über LNG-Terminals und norwegische Pipelines neu verkabelt wurde. Als Hauptbedingung, unter der das Kalkül kippt, gilt ein erneuter Energiepreisschock. Sollte der Iran-Konflikt eskalieren und der LNG-Preis in Europa wieder über 50 Euro je Megawattstunde springen, wäre ein Verkauf zum heutigen Bewertungsanker für den Bund schwer vermittelbar. Genau diese Eskalation hat der Dax am Dienstag ausgepreist, der Verkaufsprozess basiert auf dieser ausgepreisten Annahme.
Lufthansa-Parallele und die Frage nach dem Käufer
Die offene Frage aus dem zweiten Kapitel ist, wer zu welchem Preis bereit ist, ein Unternehmen zu übernehmen, dessen Geschäftsmodell auf dem Auspreisen geopolitischer Risiken beruht. Eine historische Parallele liefert die Lufthansa-Verstaatlichung von 2020. Auch dort übernahm der Bund einen krisengeschüttelten Konzern, verkaufte die Anteile aber bereits 2023 mit Gewinn zurück an den Markt. Bei Uniper steht der gegenteilige Ausgang im Raum: ein Verkauf unter dem eingesetzten Kapital. Der Vergleich bricht an einer Stelle. Lufthansa konnte nach der Pandemie auf eine normalisierte Nachfragekurve setzen. Uniper hingegen agiert in einer Branche, in der die Nachfrage strukturell sinkt, weil Deutschland bis 2045 klimaneutral werden soll. Als Voraussetzung für eine Fortsetzung der heutigen Marktstimmung gilt ein erfolgreicher Börsengang mit institutioneller Nachfrage, vergleichbar dem Lufthansa-Reprivatisierungsprozess. Bricht diese Logik, wenn die ersten Indikationen unter dem aktuellen Buchwert liegen, ist der politische Druck auf das Finanzministerium garantiert. Als Prüfstein für die kommenden Wochen dient die Frist 12. Juni. Bis dahin zeigt sich, ob strategische Investoren wie EnBW, RWE oder internationale Energiefonds wie Brookfield in der Liste stehen. Eine zweite Beobachtungsgröße ist der TTF-Gaspreis. Bleibt er unter 35 Euro je Megawattstunde, läuft der Verkaufsprozess geordnet. Springt er über 50 Euro, kippt die Bewertungsbasis. Die Lehre aus der Lufthansa war, dass der Staat im richtigen Moment ausstieg. Was beweist, dass dieser Moment für Uniper jetzt ist, und nicht in zwei Jahren?
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