Varta AG|Insolvenz trotz gesunder Batteriemarke
Insolvenzantrag trotz gesunder Kernmarke
Varta hat beim Amtsgericht Stuttgart vier Insolvenzanträge in Eigenverwaltung gestellt, für die Konzernmutter und drei operative Tochtergesellschaften. Und doch betrifft dieser Schritt ausdrücklich nicht das Geschäft mit den bekannten blau-gelben Haushaltsbatterien, das Unternehmen selbst nennt es rechtlich und operativ getrennt vom übrigen Konzern.
Wenn ausgerechnet der bekannteste und wertvollste Teil des Konzerns von der Insolvenz verschont bleibt, stellt sich die Frage, warum der Gesamtkonzern trotzdem zahlungsunfähig wird. Die Antwort liegt nicht im operativen Geschäft, sondern darin, wer an genau dieser gesunden Sparte künftig verdienen will.
Als unmittelbaren Auslöser nennt Varta selbst verschlechterte Marktbedingungen, schwächere Nachfrage und die Entscheidung eines Ankerkunden, die Zusammenarbeit zu beenden – gemeint ist Apple, bislang wichtigster Abnehmer für wiederaufladbare Knopfzellen. Nach Einschätzung der Sanierer von FTI hätte Varta kurzfristig eine Finanzspritze im mittleren zweistelligen Millionenbereich gebraucht, um weiterzumachen.
Rund 3.260 Beschäftigte arbeiten für Varta, viele davon am Stammsitz Ellwangen in Baden-Württemberg, und ihre Zukunft hängt jetzt an einer Entscheidung, die nicht im operativen Geschäft fällt, sondern am Verhandlungstisch der Kapitalgeber.
Gläubiger gegen Eigentümer: der Kapitalstreit
Die wichtigsten Geldgeber – darunter die Deutsche Bank sowie die Finanzinvestoren RBC BlueBay, Blantyre und Whitebox – wollen genau das profitable Haushaltsbatteriegeschäft aus dem Konzern herauslösen und dafür eine neue Eigentümerstruktur schaffen. Die bisherigen Eigentümer Porsche und der österreichische Unternehmer Michael Tojner, die sich die Anteile je zur Hälfte teilen, sind laut Medienberichten nicht bereit, weiteres Kapital bereitzustellen.
Damit verschiebt sich die Lesart: Varta betont selbst, dass der Antrag nicht aus akuter Zahlungsunfähigkeit im laufenden Geschäft folgt. Das eigentliche Problem ist, dass die Partei, die den werthaltigen Teil retten könnte, dafür lieber den Rest des Konzerns in die Insolvenz gehen lässt, statt den Gesamtkonzern zu stützen.
Damit droht dem Traditionskonzern die Zerschlagung: Die übrigen Unternehmensbereiche – Mikrobatterien und Energiespeicher – könnten in die reguläre Insolvenz rutschen, während die Haushaltsbatteriesparte unter neuer Eigentümerstruktur weiterläuft.
Auffällig dabei: Tojner selbst hat parallel Interesse am Geschäft mit Mikrobatterien angemeldet, etwa an Knopfzellen für Hörgeräte, was zeigt, dass auch der bisherige Eigentümer nicht auf den Gesamtkonzern setzt, sondern gezielt auf das Teilstück, das sich für ihn noch rechnet.
Zweite Insolvenz, gleiches Muster
Es ist nicht die erste Krise des Unternehmens. Bereits 2024 musste sich Varta im Rahmen eines Sanierungsverfahrens nach dem Restrukturierungsgesetz StaRUG neu aufstellen, alte Aktionäre verloren dabei ihr Investment, Gläubiger verzichteten auf einen Teil ihrer Forderungen.
Varta erklärte diesen Prozess im April vergangenen Jahres für abgeschlossen, Porsche und Tojner wurden damals neue mittelbare Gesellschafter. Kurzfristig wurde so eine Stabilisierung erreicht, doch die grundlegenden wirtschaftlichen Probleme blieben ungelöst, die erhoffte Verbesserung der Geschäftsentwicklung blieb aus.
Die letzten veröffentlichten Zahlen aus 2024 zeigen das Ausmaß: rund 793 Millionen Euro Umsatz standen einem Verlust von 64,5 Millionen Euro gegenüber. Eine Sanierung, die die Kapitalstruktur neu ordnet, aber die operative Ertragskraft nicht wiederherstellt, kauft nur Zeit, sie löst das Grundproblem nicht.
Der entscheidende Unterschied zu 2024 ist deshalb nicht die Schwere der Krise, sondern die Art der Lösung, die diesmal verhandelt wird: kein reiner Schuldenschnitt mehr, sondern die Trennung von profitablem Kern und dem Rest des Konzerns.
Der Prüfstein: was die Zerschlagung entscheidet
Aktuell werden die vier Anträge vom zuständigen Amtsgericht Stuttgart geprüft, das ist der nächste konkrete Prüfstein: bewilligt das Gericht die vorläufige Eigenverwaltung, beginnt formal das Verfahren, in dem die Trennung der Haushaltsbatteriesparte tatsächlich vollzogen werden kann.
Für Beobachter der bekannten Marke entscheidet sich daran zweierlei: Findet die Haushaltsbatteriesparte unter neuer Eigentümerstruktur einen tragfähigen Rahmen, bleibt das Produkt im Alltag bestehen, das wäre die Chance in diesem Prozess. Gelingt den übrigen Konzernteilen dagegen keine eigene Anschlusslösung, drohen weitere Insolvenzen bei Mikrobatterien und Energiespeicher, das wäre die Falle.
Wer die Entwicklung verfolgt, sollte deshalb weniger auf neue Umsatzzahlen achten als auf die Entscheidung des Amtsgerichts Stuttgart zur Eigenverwaltung und darauf, ob sich für die Haushaltsbatteriesparte tatsächlich eine neue, eigenständige Eigentümerstruktur findet.
- [welt.de] Offiziell: Batteriehersteller Varta stellt Insolvenzantrag - OP Online
- [zeit.de] Schwäbisches Unternehmen: Varta meldet Insolvenz an - Absturz einer Ba…
- [tagesschau.de] Konzern droht Zerschlagung: Batteriehersteller Varta stellt vier Insol…
- [orf.at] Aufspaltung möglich: Batteriefirma Varta meldet Insolvenz an - ORF
- [berliner-zeitung.de] Varta AG: Wieso der Batteriehersteller einen Insolvenzantrag stellt -…
- [morgenpost.de] Batteriehersteller Varta beantragt Insolvenz – zuvor drohte Zerschlagu…
- [b4bschwaben.de] Varta meldet erneut Insolvenz an – auch Nördlinger Standort betroffen…
- [welt.de] Batterie-Legende: Batteriehersteller Varta stellt Insolvenzantrag - WE…