Volkswagen Umbauplan 50% Modelle|Blume scheitert am eigenen Aufsichtsrat
Der groesste Umbau — und seine eigene Blockade
Volkswagen steht vor dem groessten Umbau seiner Geschichte, und zum ersten Mal steht eine Zahl im Raum. CEO Oliver Blume nennt intern rund fuenfzigtausend Stellen weltweit, die theoretisch wegfallen koennten. Die Vorzugsaktie reagiert nervoes und rutscht auf vierundsiebzig Komma zweiundzwanzig Euro, gut zwei Prozent im Minus und weit unter dem Zweiundfuenfzig-Wochen-Hoch.
Der Plan ist radikal in jeder Dimension. Die Produktionskapazitaet soll von zwoelf auf neun Millionen Fahrzeuge sinken, die Modellpalette konzernweit um die Haelfte schrumpfen und die Ausstattungsvarianten sogar um fuenfundsiebzig Prozent. Volkswagen will die Komplexitaet brechen, die den Konzern ueber Jahre teuer und traege gemacht hat.
Hier beginnt das eigentliche Paradox dieser Geschichte. Blume verkuendet den historischen Umbau, doch laut Medienberichten hat derselbe Aufsichtsrat sein weiteres Sparpaket bereits blockiert. Der Mann, der den Konzern retten soll, kann nicht allein entscheiden, denn die entscheidende Bremse sitzt im eigenen Kontrollgremium.
Vier Standorte gelten als Werke ohne Zukunft im heutigen Zuschnitt. Emden und Zwickau ab zweitausendeinunddreissig, Hannover ab zweitausendzweiunddreissig und das Audi-Werk Neckarsulm ab zweitausendvierunddreissig. Genau diese Werke liegen in Regionen, in denen die Gegenspieler von Blume die meiste Macht haben.
Die Architektur der Blockade
Um zu verstehen, warum Blume festhaengt, muss man die Machtarchitektur bei Volkswagen kennen. Im Aufsichtsrat stellt die Arbeitnehmerseite rund um die IG Metall die Haelfte der Sitze. Ohne die Gewerkschaft laesst sich keine Werksschliessung und kein grosser Stellenabbau gegen den erklaerten Willen der Belegschaft durchsetzen. Dazu kommt das Land Niedersachsen, das zwanzig Prozent der Stimmrechte haelt und durch das VW-Gesetz ein faktisches Veto gegen Werksschliessungen besitzt.
Die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner, selbst stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei VW, hat die Linie unmissverstaendlich gezogen. Das werden wir nicht akzeptieren, lautet ihre Ansage zu den Plaenen aus dem Vorstand. Der Betriebsrat verlangt Klarheit statt theoretischer Ableitungen und pocht auf die Beschaeftigungssicherung, die mindestens bis zweitausenddreissig gilt.
Hier liegt das strukturelle Dilemma in seiner reinsten Form. Der Vorstand, der den Konzern sanieren soll, ist auf die Zustimmung genau jener Gremiumsmitglieder angewiesen, deren Klientel er entlassen moechte. Benner und Betriebsratschefin Daniela Cavallo sitzen im selben Raum wie Blume — und sie haben die Mehrheit. Das ist keine temporaere Huerde, sondern das Grundgesetz des VW-Modells.
Gleichzeitig vergroessert sich der Druck von aussen und macht den Zeitfaktor zum zentralen Problem. VW hat in Europa Ueberkapazitaeten von mehr als fuenfhunderttausend Fahrzeugen. US-Autozoelle belasten den Konzern nach Medienberichten mit rund fuenf Milliarden Euro pro Jahr, und in China broeckeln die Marktanteile unter dem Druck chinesischer Hersteller wie BYD weiter. Die Schere zwischen notwendiger Geschwindigkeit und genehmigungsfaehiger Geschwindigkeit oeffnet sich weiter.
Das Dilemma der wahren Zahl
Jetzt kommt die Zahl, um die alles kreist, und sie ist alles andere als eindeutig. Blume spricht intern von rund fuenfzigtausend Stellen als theoretischer Ableitung ohne Veraenderung der Arbeitskosten. Berichte von Bild und Spiegel nennen dagegen bis zu hundertvierzigtausend betroffene Beschaeftigte — fast das Dreifache. Beide Zahlen stammen aus demselben Unternehmen und beziehen sich auf denselben Plan.
Der entscheidende Trick steckt im Wort theoretisch. Blumes fuenfzigtausend gelten nur, wenn die Arbeitskosten unveraendert bleiben — was faktisch das Gegenteil dessen ist, was der Vorstand anstrebt. Genau deshalb misstraut der Betriebsrat der Zahl, denn je nach Annahme ueber Loehne und Standortallokation kann die wahre Groessenordnung deutlich hoeher liegen. Die offene Zahl ist nicht Transparenz, sondern Verhandlungsmasse.
Ein Teil des Abbaus laeuft laengst, still und vertraglich. Rund siebenunddreissigtausend Beschaeftigte haben bereits freiwillige Vereinbarungen unterschrieben, siebenundzwanzigtausend sollen bis Jahresende ausscheiden. Das zeigt, dass die freiwilligen Instrumente funktionieren — aber auch, dass die einfachsten Faelle bereits abgeschoepft sind und was bleibt, sind genau die Werke und Stellen, fuer die es keine freiwillige Loesung gibt.
Auch die Kapitalmarktseite verschaerft das Bild. Die UBS warnt offen vor einer moeglichen Gewinnwarnung, falls die Restrukturierung ins Stocken geraet. Die geplante Investitionskuerzung von hundertachtzig auf hundertfuenfunddreissig Milliarden Euro bis zweitausendeinunddreissig setzt voraus, dass das Sparpaket tatsaechlich beschlossen wird — und genau das ist ungeklaert, solange der Aufsichtsrat keine Einigung signalisiert.
Die Anlegerentscheidung am Pruefstein Q2
Fuer Anleger geht es um die Frage, ob dieser Umbau Wert schafft oder in der Blockade versandet. Das Margenziel von neun Prozent bis zweitausenddreissig ist ambitioniert, aber nicht ohne Substanz. Immerhin sanken die Fabrikkosten an den deutschen Standorten zweitausendfuenfundzwanzig bereits um zwanzig Prozent — ein Beleg, dass operative Verbesserungen moeglich sind, wenn der organisatorische Rahmen steht.
Der naechste harte Termin steht bereits fest. Ende Juli zweitausendsechsundzwanzig legt Volkswagen die Quartalszahlen fuer das zweite Quartal vor, und diese Zahlen sind der Pruefstein. Bestaetigt sich die von der UBS befuerchtete Schwaeche, wird aus der theoretischen Ableitung schnell eine sehr konkrete Belastung fuer die Aktie. Haelt die Marge und meldet der Vorstand Fortschritte bei der Einigung, oeffnet sich ein Fenster fuer eine strukturelle Neubewertung.
Am Ende laeuft alles auf eine einzige Beobachtungsvariable hinaus. Eine Einstiegschance entsteht nur, wenn vor oder mit den Q2-Zahlen eine kommunizierte Einigung zwischen Vorstand und Arbeitnehmervertretern sichtbar wird und die Marge keine Gewinnwarnung ausloest. Bleibt die Blockade im Gremium bestehen, ist die guenstige Bewertung bei vierundsiebzig Euro kein Boden — sondern ein Durchgangsstadium eines historischen Plans, der an seinen eigenen Entscheidern zerbricht.
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