VW ID.4-Absatz 95 % in USA|Verbrenner zurück statt Zukunft

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Ölpreisschock, Hormus-Blockade und ein DAX im Rückwärtsgang

Die Straße von Hormus ist wieder geschlossen. Nachdem die Friedensverhandlungen zwischen den USA und dem Iran am Wochenende gescheitert waren, kündigte US-Präsident Donald Trump an, keine Schiffe mehr durch diese Meerenge zu lassen. Das ist eine der meistbefahrenen Schifffahrtsrouten der Welt. Der Ölpreis kletterte daraufhin wieder über 100 Dollar je Barrel — und der DAX eröffnete mit einem Minus von 1,2 Prozent in die neue Woche.

„Nahost-Sorgen belasten Dax", schrieb die Süddeutsche Zeitung. „Geopolitik schlägt durch", konstatierte das Finanzportal AD HOC NEWS. Der Schlusskurs lag am Ende im Minus, die Freitagsrally, die den DAX kurz über 23.800 Punkte gehoben hatte, war in wenigen Stunden wieder verpufft. Reiseaktien und zyklische Werte gerieten erneut unter Druck. Rüstungswerte wie Rheinmetall, RENK und Hensoldt — die klassischen Profiteure geopolitischer Spannungen — hielten sich zunächst besser, gaben dann aber ebenfalls nach.

Am Rande dieser Weltbühne startete Rheinmetall in Hamburg die Serienproduktion unbemannter Marineboote. Bis zu tausend Drohnenboote pro Jahr sollen künftig dort vom Stapel laufen. Es ist ein Sinnbild der Zeit: Während klassische Industrie strauchelt, boomt die Rüstungstechnik.

Und dann war da noch eine Nachricht, die fast im Tagesrauschen unterging.

VW baut wieder Verbrenner — und die Zahlen dahinter sind drastischer als gedacht

Im ersten Quartal 2026 lieferte der Volkswagen-Konzern gut 2,05 Millionen Fahrzeuge aus. Vier Prozent weniger als im Vorjahr — klingt moderat. Aber die Details sind alles andere als das.

In China brach der Absatz von VW-Elektromodellen um 64 Prozent ein. In den USA lag der Rückgang bei 80 Prozent. Und beim ID.4 — dem elektrischen Flaggschiff, das VW in Amerika als Zukunftsmodell positioniert hatte — betrug das Minus mehr als 95 Prozent. Im ganzen ersten Quartal wurden in den USA gerade noch 4.000 E-Autos des Konzerns verkauft.

Die Konsequenz ist dramatisch in ihrer Eindeutigkeit: VW stoppt die ID.4-Produktion im Werk Chattanooga in Tennessee. Und die freigewordenen Kapazitäten werden nicht für ein anderes Elektromodell genutzt — sondern für den Atlas, ein klassisches Benziner-SUV. Der Konzern kehrt mitten im globalen Elektro-Umbau zum Verbrenner zurück. VW-Vertriebschef Marco Schubert formulierte es so: „Das erste Quartal 2026 war erneut von sehr herausfordernden wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen geprägt." Das Wort „erneut" trägt die eigentliche Botschaft.

Hier liegt das Paradoxon dieses Tages. Der DAX leidet unter Ölpreisschock und Geopolitik. Aber die VW-Nachricht hat eine andere Qualität. Sie zeigt, dass Europas größter Automobilhersteller die eigene Elektrostrategie unter dem Druck des Marktes in Echtzeit revidiert.

Das ist kein kurzfristiger Rückzieher. Neue Produktionslinien werden nicht in Wochen umgestellt. Wenn VW jetzt wieder Verbrenner in Chattanooga baut, ist das eine Entscheidung mit einem Zeithorizont von Jahren.

Dabei hatte VW noch Anfang 2025 ambitionierte E-Ziele für Nordamerika formuliert. Goldman Sachs senkte das Kursziel für die Aktie heute auf 97 Euro — mit dem Votum „Neutral". Das Wort klingt harmlos. In der Bankensprache bedeutet es: kein Aufwärtspotenzial erkennbar.

Doch es gibt eine zweite Ebene. VW ist nicht allein. Auch BMW und Mercedes-Benz verzeichnen in China zweistellige Rückgänge bei E-Modellen. Die deutschen Premium-Hersteller stehen unter Druck von chinesischen Elektroauto-Herstellern im Inland und von einer geschwächten Kauflaune in den USA. Der BDI, der Bundesverband der Deutschen Industrie, hat auf der Hannover Messe seine Wachstumsprognose für 2026 auf null gestrichen. „Für 2026 rechnen wir nicht mehr mit einer Erholung, sondern mit Stagnation", sagte BDI-Präsident Peter Leibinger. Seit 2022 sinkt die Industrieproduktion in Deutschland jedes Jahr.

Und VW steht exemplarisch dafür, was passiert, wenn diese Stagnation auf eine gescheiterte Transformation trifft.

Wann wäre das ein Wendepunkt — und wann nur eine Pause?

Die entscheidende Frage ist nicht, ob VW gerade schwächelt. Die Frage ist: Ist das der Beginn einer Neuausrichtung, die sich am Ende als klug erweist — oder der Beginn eines schleichenden Rückzugs aus der Zukunftstechnologie?

Historisch gibt es Vorläufer. Nach dem Dieselskandal 2015 stand VW vor einer ähnlich existenziellen Frage. Damals folgte ein Strategieschwenk in Richtung Elektromobilität — ambitioniert, teuer, und nun offenbar in Amerika gescheitert. Dieselgate kostete VW Milliarden und Vertrauen. Die aktuelle Krise kostet VW Marktanteile in seinen wichtigsten Wachstumsmärkten.

Die Argumentation für eine Erholung lautet: Der US-Markt für Elektrofahrzeuge ist unter der aktuellen Regierung politisch belastet. Steuervergünstigungen für E-Autos wurden zurückgekauft, das Investitionsklima für Elektro ist unsicher. Wenn sich das ändert — durch eine neue Regierung oder durch veränderte Anreizstrukturen — könnte VW mit dem Atlas-Verbrenner Geld verdienen und gleichzeitig die E-Plattform für die nächste Generation vorbereiten. Das wäre pragmatisch, nicht strategisch gescheitert.

Die Gegenthese ist ernüchternder. China, wo VW noch vor fünf Jahren jedes dritte Auto verkaufte, entwickelt sich zum Heimatmarkt chinesischer Elektromarken. BYD, SAIC, Nio — sie verdrängen VW dort strukturell. Wenn China verloren ist und Amerika gerade umgebaut wird, auf welchen Markt setzt VW dann sein Wachstum?

Für die nächsten Wochen gibt es konkrete Signale, die diese Frage beantworten könnten. VW legt im Mai Quartalszahlen vor. Entscheidend ist nicht der Umsatz, sondern die Aussage zur chinesischen Absatzentwicklung im zweiten Quartal. Wenn die -15-Prozent-Marke aus dem ersten Quartal sich dort wiederholt oder verschlechtert, wäre das ein strukturelles Signal. Wenn China-Chef Kjell Gruner gleichzeitig neue Kooperationen mit lokalen E-Marken ankündigt, wäre das ein Gegenindikator.

Dazu kommt die EZB. Christine Lagarde sagte heute, die Notenbank brauche noch mehr Daten vor endgültigen geldpolitischen Schlüssen. Der Iran-Konflikt liegt unterhalb des EZB-Negativszenarios — noch. Wenn Energiepreise dauerhaft über 100 Dollar bleiben, wird auch die EZB ihre Haltung überdenken. Steigende Zinsen bei gleichzeitig schwacher Industrieproduktion — das wäre die schlechteste Kombination für VW, BMW und die deutschen Exportkonzerne.

Der aktuelle Stand: Die Evidenz spricht eher für anhaltenden Druck auf die deutschen Automobilhersteller. Aber dieser Druck ist nicht homogen. Rheinmetall läuft, VW strauchelt — innerhalb desselben deutschen Aktienmarkts trennen sich gerade die Zykliker von den Transformationsgewinnern. Das ist kein Zufall. Und es ist noch nicht zu Ende.

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