ZEW stürzt auf 3-Jahres-Tief|Hormus-Faktor noch nicht eingepreist

2026-04-21 · DAX

Iran, Öl, ZEW

Der DAX eröffnete am Dienstag fester — und schloss im Minus. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Lehrstück über verzögerte Preisfindung.

Am Vormittag veröffentlichte das ZEW-Institut seinen monatlichen Konjunkturindex. Das Ergebnis: minus 17,2 Punkte. Erwartet worden war minus 5,0. Vor einem Monat lag der Wert noch bei minus 0,5. Das ist der stärkste Einbruch in einem einzigen Monat seit Jahren — und der tiefste Stand seit Dezember 2022.

Der direkte Auslöser ist die Straße von Hormus. Seit dem Beginn der gemeinsamen US-israelischen Angriffe auf den Iran am 28. Februar ist diese Meerenge blockiert oder unsicher. Durch sie fließen normalerweise rund zwanzig Prozent des weltweiten Erdöls. Wer Rohöl kauft, zahlt jetzt Risikoaufschläge — und wer Energie verbraucht, zahlt mehr.

ZEW-Präsident Achim Wambach erklärte es direkt: Die Unternehmen sorgen sich um langfristige Engpässe bei der Energieversorgung. Das bremst die Investitionsbereitschaft — und schwächt damit die Wirkung staatlicher Konjunkturprogramme. Das Infrastrukturpaket der Bundesregierung, das viele Volkswirte noch im März als Wachstumsmotor bezeichnet hatten, verliert an Schubkraft, wenn die Energiepreise strukturell hoch bleiben.

Die Bundesregierung wird ihre Wachstumsprognose für 2026 nach Informationen aus Regierungskreisen voraussichtlich auf 0,5 Prozent halbieren — das wäre die Hälfte der noch im Herbst kommunizierten Erwartung. Besonders betroffen: die Chemie- und Pharmaindustrie sowie Stahl- und Metallproduzenten. Genau jene Branchen, die für günstige Energie keine Alternativen haben.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob der ZEW-Index gesunken ist. Sie ist, ob das Schlimmste bereits eingepreist wurde. Ökonom Alexander Krüger vom Bankhaus Hauck Aufhäuser Lampe formulierte es klar: Eine schwere Ölkrise bleibe trotz aller Hoffnungen auf eine Konfliktbeilegung das Alptraum-Szenario.

Am Mittwoch läuft die Waffenruhe zwischen dem Iran und den USA in der Nacht aus. US-Vizepräsident J.D. Vance soll sich nach Pakistan begeben haben. Die iranische Seite hat bislang keine offizielle Gesprächsbereitschaft signalisiert. Fällt die Waffenruhe ohne Verlängerung, dürften die Ölpreise am nächsten Handelstag deutlich reagieren.

VW: Angriff oder Rückzug

Während der DAX die Konjunkturdaten verdaute, lieferte Volkswagen eine eigentümliche Gegenerzählung. In Peking, auf der Group Night vor der Auto China 2026, enthüllte der Konzern unter dem Motto „Rise Up" zehn Fahrzeuge von vier Marken — darunter vier Weltpremieren. CEO Oliver Blume bezeichnete Volkswagen als ersten globalen Autohersteller, der agentenbasierte Künstliche Intelligenz im großen Maßstab über das gesamte Fahrzeugportfolio in China einführt.

Das klingt wie Offensive. Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte.

Im ersten Quartal 2026 lieferte der Konzern weltweit rund 2,05 Millionen Fahrzeuge aus — vier Prozent weniger als im Vorjahr. In China brachen die Elektro-Auslieferungen um 64 Prozent ein, weil staatliche Förderprogramme ausliefen und die neuen lokalen Modelle noch nicht verfügbar waren. In den USA drücken erhöhte Zölle auf ein Minus von 80 Prozent. Nur Europa liefert derzeit Rückenwind — dort wächst Volkswagen bei Elektrofahrzeugen um zwölf Prozent.

Blume reagierte darauf mit einer Ansage, die weniger nach Wachstum klingt: Die globalen Produktionskapazitäten sollen von über zwölf Millionen auf nachhaltig neun Millionen Fahrzeuge jährlich sinken — eine Reduktion um ein Viertel. In Europa soll die Kapazität bis 2028 um eine Million Fahrzeuge pro Jahr sinken. In China wurde bereits eine Million gestrichen.

Der Mechanismus dahinter: Chinas Automärkte sind strukturell übersättigt. Die Gesamtkapazität liegt bei rund 60 Millionen Fahrzeugen jährlich — gebaut werden tatsächlich etwa 32 Millionen. Eine Auslastung von 53 Prozent gilt als zu gering, um profitabel zu arbeiten. Volkswagen sitzt genau im Zentrum dieses Überkapazitätsproblems, weil seine Gemeinschaftsunternehmen mit chinesischen Herstellern besonders niedrig ausgelastet sind.

Die Aktie spiegelt diesen Druck wider. Mit rund 90 Euro notiert das Papier etwa 15 Prozent unter dem Jahresanfangsniveau und liegt klar unter dem 200-Tage-Durchschnitt.

Ob die KI-Offensive in Peking die Kurve dreht, wird sich erst im Juli zeigen — wenn die Auslieferungsdaten des zweiten Quartals vorliegen. Bis dahin bleibt Volkswagen ein Titel, bei dem operative Ambition und Börsenbewertung weit auseinanderklaffen.

Rüstung trifft Allzeithoch

Das Spannungsfeld, das den DAX am Dienstag im Minus schloss, hat eine Kehrseite — und die erklärt, warum nicht alle deutschen Aktien gleich reagiert haben.

Rheinmetall startete am Hamburger Hafen die Serienproduktion unbemannter Überwasserfahrzeuge. Auf der Werft Blohm+Voss, die der Konzern Anfang März durch die Übernahme von NVL erworben hatte, sollen zunächst rund 200 Drohnenboote des Modells K3 Scout pro Jahr vom Stapel laufen. Bei entsprechender Auftragslage ist eine Steigerung auf 1.000 Einheiten jährlich geplant. Erste Aufträge aus NATO-Staaten liegen bereits vor.

Das operative Bild des Konzerns bleibt beeindruckend: Der Auftragsbestand liegt bei über 63 Milliarden Euro — ein Rekordwert. Für das laufende Jahr peilt das Management einen Umsatz von bis zu 14,5 Milliarden Euro an, mit einer operativen Marge von rund 19 Prozent. Über 90 Prozent des anvisierten Jahresumsatzes sind bereits durch bestehende Bestellungen abgedeckt. Analysten von Jefferies hoben das Kursziel auf 2.220 Euro an und bestätigten die Kaufempfehlung.

Paradoxerweise fiel die Aktie am Dienstag dennoch um weitere 2,75 Prozent auf 1.436 Euro. Das Rekordhoch von knapp 2.000 Euro aus dem September 2025 rückt in weite Ferne. Fundamentale Stärke und charttechnische Schwäche klaffen selten so weit auseinander. Der Grund: Der Iran-Krieg, der die Konjunkturerwartungen drückt, drückt gleichzeitig auch Risikoapperenzen — und Anleger reduzieren zuerst die Positionen, die am stärksten gestiegen sind.

Auf der anderen Seite des Spektrums: die Allianz. Das Papier erreichte am Dienstag ein neues Allzeithoch bei 397 Euro. Goldman Sachs erhöhte das Kursziel von 410 auf 450 Euro. Die Logik dahinter ist gegenläufig zu VW und Rheinmetall — die Allianz profitiert von einem Umfeld, in dem Risikoabsicherung mehr wert ist. Steigende Prämien, wachsendes Geschäft in der Rückversicherung, eine Dividende von 17,10 Euro je Aktie für das Geschäftsjahr 2025.

Was verbindet diese drei Geschichten? Die Waffenruhe, die in der Nacht zum Donnerstag ausläuft, ist der gemeinsame Faktor. Wird sie verlängert, könnten Ölpreise nachgeben, der ZEW sich stabilisieren, und Volkswagens China-Chance wächst — während Rüstungstitel kurzfristig konsolidieren. Bricht die Waffenruhe, dreht sich die Logik um: Ölpreise steigen, Konjunkturerwartungen fallen weiter, und genau jene Titel, die aktuell trotz starker Fundamentaldaten unter Druck stehen — darunter Rheinmetall —, könnten wieder Zuflüsse sehen.

Die entscheidende Kennzahl für den nächsten Handelstag: der Brent-Rohölpreis. Schließt er über 90 Dollar je Barrel, ist das ein Signal, dass der Markt keine Verlängerung der Waffenruhe mehr einpreist.